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Wertlose Mitarbeiter – eine bilanzielle Betrachtung

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Wir schreiben das Jahr 2000. Der New Economy Boom strebt seinem Höhepunkt entgegen. Der M&A Markt ist in vollem Gange. Die Mitarbeiterressourcen werden immer knapper. Ein daraus resultierender M&A Trend: Ich kaufe mir Mitarbeiter. Im Hinterkopf der Gedanke: „Was würde es mich kosten, diese Mitarbeiter auf dem freien Markt zu rekrutieren, zu trainieren und einzuarbeiten?“ Am Ende muss das Ganze dann auch bilanziert werden. Und, et voilá, es findet sich in den Abschlüssen aus den 2000er Jahren tatsächlich eine Bilanzposition „Assembled Workforce“, die im Rahmen der Purchase Price Allocation („PPA“) nach IAS 22 (ja damals hießen die internationalen Bilanzierungsstandards alle noch IAS) bzw. US GAAP Standard APB 16 angesetzt wurden. Die Bewertung entsprach dem ökonomischen Gedanken bei der Akquisition: Was muss ich aufwenden, um eine ähnlich eingespielte Belegschaft zu erhalten, also was sind die total replacement costs. Die daraus resultierende Abschreibung erfolgte dann auf Basis der erwarteten Fluktuation der Mitarbeiter zwischen 5 bis 10 Jahren.

2001 platzte dann die New Economy Blase und die Terroranschläge vom 9.11.2001 taten ihr Übriges. Die Wirtschaft crashte, zahlreiche der vermeintlich aufstrebenden Tech-Unternehmen gingen in die Insolvenz und mussten ihre vormals teuer am Markt oder durch M&A akquirierten Mitarbeiter wieder entlassen. Auf einmal waren in der wirtschaftlichen Gedankenwelt Mitarbeiter kein Asset mehr, sondern eher eine Belastung. Die Frage war nun eher, wie kann ich die Personalkosten reduzieren beispielsweise durch die Verlagerung von Standorten in Billiglohnländer oder durch den verstärkten Einsatz von Robotern im Rahmen der Automatisierung von Prozessen (offensichtlich also auch kein ganz neues Thema). 

Auch die Bilanzierung passte sich der neuen Realität an, gleichwohl die Begründung natürlich deutlich wissenschaftlicher ausfiel. Mit der Veröffentlichung der neuen US GAAP Standards SFAS 141 und SFAS 142 im Jahr 2001 (heute ASC 805) bzw. dem IFRS 3 im Jahr 2004 war die separate Bilanzierung der Assembled Workforce im Rahmen der PPA nicht mehr zulässig. Die Begründung der Standardsetter hierfür war wie folgt: 

Nach IAS 38.11 verlangt die Definition eines immateriellen Vermögenswerts, dass dieser identifizierbar ist, um ihn vom Goodwill unterscheiden zu können. Eine Identifizierbarkeit ist dann gegeben, wenn der Vermögenswert separierbar ist, also getrennt vom Unternehmen verkauft, übertragen, lizenziert, vermietet oder getauscht werden kann. In einem zweiten Schritt ist die wirtschaftliche Kontrolle zu prüfen. Diese ist gegeben, wenn das Unternehmen in der Lage ist, sich den künftigen wirtschaftlichen Nutzen, der aus der zu Grunde liegenden Ressource zufließt, zu verschaffen, und es den Zugriff Dritter auf diesen Nutzen beschränken kann. Der Gesellschaft mangelt es jedoch an der wirtschaftlichen Kontrolle des Mitarbeiterstamms, wodurch dieser nicht als immaterieller Vermögenswert zu berücksichtigen ist.

Allerdings musste dennoch im Rahmen der PPA die Assembled Workforce bewertet werden, da sie über sogenannte Contributory Asset Charges die Bewertung von anderen Vermögenswerten im Rahmen der Kaufpreisallokation beeinflusste. Die Assembled Workforce selbst ging jedoch im Goodwill auf und wurde auf Grund des Impairment-only-Approaches nicht mehr abgeschrieben.

Wir schreiben heute das Jahr 2018. Der Wirtschaftsboom strebt seinem Höhepunkt entgegen. Der M&A Markt ist in vollem Gange. Die Mitarbeiterressourcen werden immer knapper. Ein daraus resultierender M&A Trend: Ich kaufe mir Mitarbeiter, mit dem Hintergedanken „Was würde es mich kosten, diese Mitarbeiter auf dem freien Markt zu rekrutieren, zu trainieren und einzuarbeiten?“. Am Ende muss das Ganze dann auch bilanziert werden.

Und hier stellt sich nun die Frage: Ist es nicht an der Zeit, den Wert der Belegschaft tatsächlich wieder in den Bilanzen – zumindest der akquirierten Unternehmen – darzustellen? Wäre dies nicht konsistent, auch im Hinblick auf die zahlreichen Diskussionen über das Humankapital eines Unternehmens, den Mitarbeitern wieder einen Wert zu geben? Denn ist eine eingespielte Belegschaft nicht viel wichtiger für ein Unternehmen als ein umfangreicher Grundbesitz oder Produktionsanlagen? Und spiegelt ein kostenbasierter Ansatz überhaupt die richtige Vorgehensweise wieder, um den Wert eines Teams und seiner Kultur zu bemessen? Oder ist es vielleicht doch ganz anders und die (Wert-)Schätzung von Mitarbeitern verändert sich zukünftig wieder ins Umgekehrte?

In diesem Sinn, machen Sie sich ausreichend Gedanken über den Wert Ihres Teams – nicht nur bilanziell – und behalten Sie dieses wertvolle Asset stets im Blick.

Bis bald 

Ihr 

Ingo Weber