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Warum Ignoranz zu Respekt führt

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Jede Woche dasselbe. Herr Müller steht bei Ihnen auf der Matte: Gemeinsam mit Frau Maier arbeitet er auf einem Projekt beim Mandanten. Er macht die ganze Arbeit, steht an vorderster Front beim Mandanten und holt auch noch die allerheißesten Kohlen aus dem Feuer, um das Projekt zum Erfolg zu führen. Und Frau Maier? Sie kommt nur zum Kaffeetrinken vorbei, hält die Kollegen vom Arbeiten ab und verkauft die ganzen Projekterfolge beim Mandanten als die ihrigen. Management by Helikopter eben.

Eigene spontane Reaktion? Der Puls geht nach oben: der arme Herr Müller, wie ungerecht! Er muss die ganze Arbeit machen, ist die entscheidende Position auf dem Projekt und bekommt noch eine drauf wenn es nicht so läuft wie geplant. Wie kann es nur sein, dass sich Frau Maier nicht (mehr) beim Projekt engagiert, aber trotzdem die Lorbeeren einheimst? Gedanklich macht man sich bereits auf den Weg zu Frau Maier, um ihr die Meinung zu sagen und um Dampf abzulassen. Glücklicherweise klingelt jedoch das Telefon mit einem wichtigen Anruf und man ist danach in einem anderen Termin und Ruckzuck ist der Arbeitstag auch schon vorbei.

Am nächsten Morgen trifft man Frau Maier im Aufzug ins Büro. Der Herr Müller, seufzt Frau Maier los (bevor man etwas zum gestrigen Erlebnis sagen kann) ist zwar 24/7 engagiert auf dem Projekt mit dem Mandanten und rettet durch seinen Einsatz die schwierigsten Situation, aber Mandantenpflege… Das sei nicht so sein Ding! Einfach mal den Mandanten Mensch sein lassen und hören, was ihn so bedrücke. Austausch über private Dinge und Vertrauen durch persönliche Nähe aufbauen, das könne der Herr Müller gar nicht.

So schnell ist einem der Wind aus den Segeln genommen. Wollten wir Frau Maier noch vor Betreten des Aufzugs ordentlich die Meinung geigen, sind wir nun gedanklich auf ihrer Seite und fragen uns, warum Herr Müller sich nicht mal Zeit nimmt, sich mit dem Mandanten auch persönlich auszutauschen. Wie ignorant von ihm. Mandantenpflege sieht anders aus.

Aber viel wichtiger ist der nächste Gedanke: Da hat sich Frau Maier doch gerade bei mir wegen Herrn Müller ausgelassen, dabei war es gestern genau umgekehrt.. Ist ja wie im Kindergarten... Warum können die beiden nicht mal miteinander reden anstatt so verbohrt zu sein? Setzt Euch doch mal zusammen hin (mit mir oder ohne mich) und redet miteinander und vertragt Euch. Das wäre doch das Beste zum Wohle des Unternehmens!

Dabei machen wir allerdings einen wesentlichen Fehler: Wir unterstellen mangelnde Bereitschaft zur Veränderung, fehlendes gegenseitiges Verständnis und kein Willen für die gemeinsame Sache. Wir machen es an den Personen fest, dass es nicht funktioniert. Mit einem einfachen, „der oder sie ist halt so“ und „will oder kann nicht anders“, haben wir die Sache entschieden und für uns abgehakt. Stattdessen sollten wir uns aber besser die Frage stellen: Was ist denn der Grund warum Herr Müller und Frau Maier so handeln?

Das ist zwar anstrengender und  erfordert mehr Nachdenken als das simple (und vorschnelle) Verurteilen, aber es ist zumindest ein wahrhaft respektvoller Umgang miteinander und kein „es sich bequem machen“, sich überhöhen und vorschnell zu Urteilen. Wir sollten versuchen uns klar zu machen, dass es sich vielleicht um zwei unterschiedliche Rollen handelt, die die beiden einnehmen. Und diese unterschiedlichen Rollen bedürfen unterschiedlicher Anforderungen und Ausprägungen, sind aber beide wichtig für den Unternehmenserfolg. Oder gibt es vielleicht andere Notwendigkeiten oder Verbindungen, die dazu führen, dass die Personen so handeln, wie sie es tun? Liegt es an der Incentivierung oder anderen Verpflichtungen? Erst durch die neutrale Betrachtung Entpersonifizierung des Problems ohne den Einbezug der beteiligten Individuen, können wir die wahren Ursachen und Beweggründe erkennen. Und erst wenn wir uns  das Problem so ansehen, werden wir auch ein wirklich sinnvolles Zusammenspiel der Personen im Unternehmen erreichen.

In diesem Sinne, schauen Sie bei der ein oder anderen Diskussion im Unternehmen auch mal hinter die jeweiligen Personen, um die wahren Ursachen zu finden. Es ist zwar der anstrengendere, aber oft auch der nachhaltigere Weg.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber

P.S.: Und ja, manche Konflikte liegen auch tatsächlich an Personen selbst, da kann man noch so viel dahinter schauen… ;)