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Warum „Einlullen“ funktioniert…

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„Einlullen“ bedeutet nach Wiktionary (für die Älteren: So etwas ähnliches wie der Duden, nur online) jemanden (meist Kleinkinder) mit beruhigenden Worten oder Gesang in den Schlaf bringen. Oder alternativ: Jemanden mit bestimmten psychologischen Methoden in einen unwirklichen, wirklichkeitsfernen Zustand, in einen Traum, in einen hypnotischen Zustand bringen, eine Illusion hervorrufen.

Aktuell ist gefühlt die ganze Welt eingelullt. Eingelullt in eine rosa Wolke von billigem, leicht verfügbarem Geld, anhaltendem dynamischem Wirtschaftswachstum, immer weiteren Umsatz- und Absatzrekorden, steigenden Aktienkursen, sinkender Arbeitslosigkeit, hoher politischer Stabilität und wachsendem Wohlstand für alle. Zu verdanken haben wir das insbesondere den nur vermeintlich unabhängigen Notenbanken, insbesondere der amerikanischen Fed und der europäischen EZB, welche die Wirtschaft mit Niedrigzinsen immer weiter aufblasen und der Politik – zumindest in Deutschland – die das Wirtschaftswachstum und die daraus resultierenden Steuereinnahmen nutzt, um nicht etwa in die Zukunft des Landes zu investieren oder die Staatsschulden zu reduzieren, sondern um immer neue Wohltaten zu verteilen und weitere Teile der Bevölkerung zu beglücken (oder ruhig zu stellen, wenn man es direkter formulieren möchte). Sollte die Große Koalition am Ende mit dem Votum der Mitglieder der SPD zustande kommen, dürfte sich dies in Deutschland auch die nächsten dreieinhalb Jahre weiter fortsetzen. Glücklicherweise wurde ja bereits ein halbes Jahr für die Regierungsbildung benötigt, was den Vorteil hat, dass in diesem halben Jahr zumindest nichts Schlimmeres entschieden wurde (die Diätenerhöhung für den Bundestag im Dezember 2017 mal ausgenommen). 

Dieses Einlullen funktioniert, aber nicht nur makroökonomisch, will heißen auf Ebene von Staaten bzw. der Gesamtbevölkerung oder Wirtschaft, sondern auch mikroökonomisch bei den einzelnen Unternehmen. Auch hier freuen sich alle, dass es so gut läuft und die meisten gehen auch davon aus, dass dies in Zukunft so weitergeht. 

Der Nachteil des Schlafs, der Illusion und des Traums ist es insbesondere jedoch auch, dass man häufig nicht mehr mitbekommt, was sich in der Realität tatsächlich abspielt. Aber jeder Schlaf, jede Illusion, jeder Traum hat auch ein Ende – auch ökonomisch und politisch. Und je tiefer der Schlaf war, desto heftiger das Aufwachen, insbesondere wenn es unvermittelt erfolgt. Einen kleinen Vorgeschmack durften zumindest die Anleger an der Börse in den letzten Tagen erleben, fielen doch die Aktienkurse beispielsweise beim DAX von 13.500 auf fast 12.400 Punkten, also knapp 10 %. Neben der Sorge vor drohenden Zinsen war angeblich Saudi-Arabien daran schuld, da es das – von den zeitweise festgesetzten Prinzen – beschlagnahmte oder erhaltene Vermögen von etwa 100 Mrd. Dollar liquidiert haben soll. Auch bei den Lohnerhöhungen zeigen sich erste Anzeichen, dass hier im Vergleich zur Vergangenheit deutlich mehr gefordert wird. So wurde durch die IG Metall eine Tariferhöhung um über 4 % ab April 2018 durchgesetzt und Verdi-Chef Bsirske (Sie erinnern sich, das ist derjenige der als Lufthansa-Aufsichtsrat kostenlos First Class flog…) fordert für den öffentlichen Dienst auch ein Mehr von über 6 %. Die Unternehmen müssen hier Zugeständnisse machen, können sie sich doch Arbeitsausfälle durch Streiks auf Grund der satten Auftragslage derzeit nicht leisten. Ob die Unternehmen und die gesamte deutsche Wirtschaft allerdings die Lohnerhöhungen oder die sozialen Wohltaten der GroKo auch in schwächeren wirtschaftlichen Phasen noch verkraften können, wird sich erst noch zeigen. 

In diesem Sinne, das Einlullen funktioniert – aber nur temporär und nicht auf Dauer.

Bis bald

Ihr 

Ingo Weber