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Vorausschauendes Fahren

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Waren Sie auch in den letzten Tagen mit dem Auto unterwegs? Bestimmt mussten Sie dann an der ein oder anderen roten Ampel anhalten oder wenn es Sie schlimm erwischt hat, standen Sie auf der Autobahn im Stau. Wie war denn Ihre Reaktion als Sie realisierten, dass die Ampel auf Rot springt und die Autos vor Ihnen bereits bremsen oder das Stauende am Horizont mit Warnblinkern auftaucht? Einen Gang runterschalten und pedal to the metal, weil die letzten Kilometer ja auch so gut mit 180 km/h (oder mehr) liefen? Wohl eher nicht. Sie passen die Geschwindigkeit an, gehen vom Gas, leiten sogar den Bremsvorgang ein und buchen ein paar Punkte auf der Eco-Score (bei Daimler und Smart) für vorausschauendes Fahren. Im perfekten Fall haben Sie ein modern ausgestattetes Auto und die Distronic mit ihrem Radar im Fahrzeug hat dies bereits für Sie erledigt.

Oder haben Sie in der letzten Zeit einen Miet- oder Leasingvertrag abgeschlossen? Wie waren denn hier Ihre Gedanken? Orientierten Sie sich auch am Bonus des letzten Jahres oder einem glücklichen Aktiengeschäft? Oder machen Sie sich ebenfalls Gedanken über Ihre zukünftige Cash-(In-)Flows und ob Sie sich die Miet- und Leasingverpflichtungen auch zukünftig leisten können? Ich hoffe schon, ansonsten wäre zumindest ein Ziel der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung nicht erreicht worden: Das Haushalten mit Ressourcen.

Die Beispiele gelten natürlich nicht nur für das Privatleben, sondern auch für Unternehmen. So hatten wir neulich in einer Transaktion den Fall eines Unternehmens, welches bereits in 2017 beschloss, die (hohe) Tantieme der Geschäftsführer nicht in 2018 auszubezahlen, da unsicher war wie sich 2018 entwickelt. Das Gegenbeispiel sind die Tarifverhandlungen mit den Gewerkschaften. Hier wird von Gewerkschaftsseite gerne argumentiert, dass die Gehälter um X Prozent zu erhöhen wären, damit auch die Belegschaft vom Unternehmenserfolg profitiert, da es in den letzten Jahren ja so gut gelaufen ist. Nur schade, wenn Unternehmen dann die Löhne doch kräftig erhöhen und in den Folgejahren realisieren, dass es sich hier um Fixkosten handelt, die auch bei geringerem Wachstum zu zahlen sind. Daher im Übrigen auch das gerne genutzte Instrument der Einmalzahlung als Ergebnis von Tarifverhandlungen.

Wie unser Auto im obigen Beispiel, nutzen auch moderne Unternehmen ein Radar, um die zukünftige Entwicklung abzuschätzen. Forecasts und Predictive Analytics seien als Schlagworte genannt. Die Prognosen der Wirtschaftsforschungsinstitute sind hier auch grundsätzlich hilfreich, allerdings, wenn man ehrlich ist, auch häufig viel zu spät. So senkte das ifo-Institut am 19. Juni 2018 die Konjunkturprognose für Deutschland für 2018 deutlich von 2,6 % auf 1,8 %. Zu diesem Zeitpunkt hatten allerdings die meisten Unternehmen schon die konjunkturellen Risiken auf ihrem Radar, wie der sich zuspitzende – durch Trump ausgelöste – Handelskonflikt, die Auswirkungen des Iran-Konflikts auf den Ölpreis oder die zunehmende Fragilität Europas, ausgelöst durch die Flüchtlingsfrage und den zunehmenden Nationalismus. Als Hobby-Ökonom würde ich gerne noch die drohende Staatspleite der Türkei ergänzen, wenn die Wechselkursentwicklung der Türkischen Lira anzieht. Daimler schickte zwei Tage später eine Gewinnwarnung an die Aktionäre, mit der Nachricht, dass das Ergebnis 2018 voraussichtlich unter dem Vorjahr liegt. Ursachen sind die vorgenannten makroökonomischen Herausforderungen, aber auch die Dieselaffäre.

In diesem Sinn, nutzen Sie sowohl im geschäftlichen, als auch privaten Bereich Ihr nach vorne gerichtetes Radar für Entscheidungen – der Blick in den Rückspiegel ist meist nur bedingt hilfreich.

Bis bald

Ihr 

Ingo Weber