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Von großen und von kleinen Sünden

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HELLA KGaA Hueck & Co., 17.09.2015: „…(EBIT) des … gesamten Geschäftsjahres infolge des Ausfalls eines chinesischen Lieferanten für Spritzguss-Komponenten deutlich belastet. Zur Absicherung der Lieferkette wird die Fertigung der betreffenden Vorprodukte vollständig umgestellt, was zu erheblichen Mehraufwendungen und zusätzlichen Abschreibungen führt.“

ElringKlinger AG, 18.09.2015: „…anhaltend überproportionalen Nachfrageanstieg. Die daraus resultierenden Zusatzkosten, z. B. für Sonderschichten und -frachten, belasteten daher auch im Juli und August die Kostenbasis und erhöhten diese um rund 6 Mio. Euro. Die bisher eingeleiteten Verbesserungsmaßnahmen griffen noch nicht im geplanten Umfang. … nicht mehr davon aus, die Prognose für das laufende Geschäftsjahr zu erreichen.“

Volkswagen AG, 22.09.2015: „Volkswagen treibt die Aufklärung von Unregelmäßigkeiten einer verwendeten Software bei Diesel-Motoren mit Hochdruck voran…Zur Abdeckung notwendiger Service-Maßnahmen und weiterer Anstrengungen, um das Vertrauen unserer Kunden zurück zu gewinnen, beabsichtigt Volkswagen, im 3. Quartal des laufenden Geschäftsjahres rund 6,5 Milliarden Euro ergebniswirksam zurückzustellen….Volkswagen duldet keinerlei Gesetzesverstöße.“

Was ist denn los in den deutschen (börsennotierten?) Unternehmen und insbesondere in der Vorzeigebranche Deutschlands – der Automobilindustrie? Innerhalb von wenigen Tagen eine solche Reihung von Meldungen, die darauf hindeuten könnten, dass Risiken nicht rechtzeitig erkannt oder zwar erkannt, aber nicht ausreichend gesteuert wurden. Dabei verpflichtet doch § 91 Abs. 2 AktG den Vorstand, für ein angemessenes Risikomanagement und für eine angemessene interne Revision im Unternehmen zu sorgen. Und nach dem BilMoG ist der Aufsichtsrat faktisch zur Überwachung der Wirksamkeit des internen Kontrollsystems, des internen Revisionssystems sowie des Risikomanagementsystems verpflichtet.

Liegt es eventuell an der sehr dynamischen Entwicklung des Automobilabsatzes in den letzten Jahren? Mit der Folge, dass die Strukturen und Prozesse (auch, aber nicht nur im Risikomanagement) nicht adäquat mitgewachsen sind? Oder liegt es vielleicht auch daran, dass die aktuelle Wahrnehmung und Handhabung im Bereich Risikomanagement sich immer mehr und mehr auf den Bereich „Compliance“ konzentriert und dabei immer mehr Personal zur Einhaltung von gesetzlichen Vorschriften aufgebaut wird anstatt sich auf die wirklich (?) risikobehafteten Bereiche zu konzentrieren? Ist es tatsächlich sinnhaft, Mitarbeitern Essens- und sonstige Einladungen sowie die Annahme von Fachbüchern zu verbieten und gleichzeitig aber „offen dafür zu sein“, wenn Lieferanten sportliche Aktivitäten eines Unternehmens unterstützen? Ist es konsistent, für relativ kleine Investitionsentscheidungen umfangreiche Dokumentationen zu verlangen, jedoch große Unternehmenskäufe ohne ausreichende Due Diligence oder trotz Warnungen aus der vertrauensvollen Durchsicht durchzuziehen? Ich – und nicht nur ich – habe so meine Zweifel, ob wir hier auf dem richtigen Weg sind oder ob wir hier nicht mit (deutschen) Overengineering das Kind mit dem Bade ausschütten und vor lauter Compliance-Bäumen den Risiko-Wald nicht mehr sehen.

In diesem Sinne achten Sie auf die wesentlichen Risiken in Ihrem Unternehmen, steuern Sie diese aktiv und machen Sie sie zu Chancen!

Bis bald

Ihr
Ingo Weber

 

P.S.: Um der Aussage vorzubeugen, dass dies nun wieder typisch für die börsennotierten Unternehmen ist und im Mittelstand ganz anders gehandhabt wird – FAZ vom 27.01.2015: „…Firmengründer Erwin Müller hat mit hochriskanten Wetten mehr Geld verspielt als seine 720 Filialen in Europa im Jahr verdienen...fast 225 Millionen Euro Drohverluste für Währungsrückstellungen“. Soviel zum Thema Pfandbon.