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Über Über-Stunden – Ist Zeit wirklich Geld?

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Die Redensart „Zeit ist Geld“ wird auf Benjamin Franklin (1706-1790) zurückgeführt. In seinem 1748 zitiertem "Ratgeber für junge Kaufleute" prägte er den Satz: "Time is money". Goethe höchstpersönlich zitierte Franklin dann auf Deutsch mit der noch heute hochaktuellen Redensart: "Zeit ist Geld". Aber auch schon in der Antike erkannten die Gelehrten "Zeit ist eine kostbare Ausgabe." (Theophrast 372-287 v.Chr.).

Doch ist Zeit wirklich Geld? Müsste es nicht besser heißen: „Output is money“? Woher kommt dieses Verständnis, dass mehr Zeit auch mehr Geld bedeutet bzw. bedeuten muss? Und wie müsste sich dieser Ansatz dann in der Vergütung für die (Arbeits-)Leistung niederschlagen?

Historisch waren die meisten Vergütungssysteme am Output orientiert. Ein Schmied erhielt sein Geld bei Ablieferung des Schwertes an den Ritter, der Bäcker beim Verkauf seiner Brötchen. Aber mit der zunehmenden Industrialisierung ging die Entwicklung der Vergütung weg vom Output, hin zum Input – der Zeit. Der Geselle des Schmieds oder Bäckers erhielt seinen Tageslohn und auch der Arbeiter an der Maschine wurde für seine Zeit bezahlt. Dies dann teilweise verknüpft mit outputbezogenen Komponenten wie beispielsweise Akkordlöhnen.

Heutzutage gibt es eine Vielzahl von Entlohnungssystemen. Für die klassische Bürotätigkeit ist dies häufig eine zeitbezogene Vergütung, teilweise kombiniert mit einer Zielvereinbarung (outputbezogen). Aber wie erfolgt nun die Ausgestaltung der zeitbezogenen Vergütung? Werden Überstunden bezahlt, könnte dies dazu führen, dass derjenige, welcher seinen Output am langsamsten produziert und somit am meisten Zeit benötigt, die höchste Vergütung dafür erhält. Betriebswirtschaftlich offensichtlich nicht sinnvoll, zumal dies auch zu potenziellen Diskussionen führt was denn nun tatsächliche Arbeitszeit ist. Was ist mit der Zeit die Zuhause oder am Wochenende investiert wird, um E-Mails abzuarbeiten, sich weiterzubilden oder eine Internetrecherche vorzunehmen? Handelt es sich hierbei um Arbeitszeit und somit zu vergütende Überstunden? Gerne wird als Alternative die sogenannte Vertrauensarbeitszeit angeführt. Aber bedeutet dieses Vertrauen nicht häufig, dass jemand bereit ist, mehr zu arbeiten als das gesetzliche oder vertragliche Mindestmaß?

Hier müsste es doch konsequent sein, darauf abzustellen, dass lediglich der Output relevant ist und es somit sinnhaft wäre, die Vergütung auch darauf abzustellen, dass der Output geliefert wird. Selbst wenn dies in einer kürzer als erwarteten Zeit erfolgt und der Mitarbeiter somit „gefühlt“ zu früh geht. Selbstverständlich kann hierbei nicht ausgeschlossen werden, dass der Aufgabenumfang des Mitarbeiters „weiter definiert wird“ – will heißen: Er bekommt mehr Aufgaben, um sicherzustellen, dass er nicht „zu früh“ geht. Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, wird in diesem Kontext gerne das Netflix-Beispiel aus den USA erwähnt. Der Legende nach kam ein Angestellter vor einigen Jahren zum Vorstandschef Reed Hastings. Er wollte wissen: "Ihr zählt nicht die Stunden die ich arbeite, wieso also zählt ihr die Anzahl meiner Arbeitstage?" Da Hastings keine Antwort hatte und ihm keine Begründung einfiel, handelte er. Die Urlaubsregelung wurde abgeschafft, alle Mitarbeiter können so viel Urlaub nehmen wie sich möchten.

Die Thematik kann im Rahmen dieses Blogs sicherlich nicht umfassend und abschließend behandelt werden. Zudem kann natürlich nicht geleugnet werden, dass es meistens auch eine Korrelation zwischen Input (= Zeit) und Output gibt und somit die Aussage „Time is money“ auch bei der outputorientierten Vergütung zutrifft. Dennoch lohnt es, sich Gedanken über eine adäquate und vor allem zeitgemäße Ausgestaltung von Vergütungssystemen zu machen – auch vor den sich ändernden Ansprüchen der Generation Y.

In diesem Sinne, investieren Sie Ihre Zeit sinnvoll und denken Sie an den Output!

Bis bald

Ihr
Ingo Weber

P.S.: Für einen etwas anderen Blick auf das Thema Zeit und in einer ruhigen Minute (sic!) lohnt sich der Blick in das Buch „Time is honey“, geschrieben vom Zeitforscher und -berater Karlheinz A. und Jonas Geißler, erschienen 2015 im oekom verlag.