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Über Ketchup aus Flaschen und den Finger am Abzug

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Zugegebener Maßen, die Grillsaison ist vorbei – außer Sie wären ein Freund des immer weiter um sich greifenden Trends: „Wintergrillen“. Aber erinnern Sie sich doch bitte kurz zurück an Ihr letztes Grillerlebnis. Sie selbst, Ihre Kinder oder einer Ihrer Gäste sitzt mit einem Teller, beladen mit einem leckeren Würstchen, einem Steak, Pommes oder – soweit es denn sein muss – Tofu-Bratling, am Tisch und beabsichtigt, sein Essen geschmacklich anzureichern aka Ketchup über das Ganze zu geben (nach meiner persönlichen Meinung im Übrigen ein Armutszeugnis für die Würze und Qualität des Grillguts). Die Ketchupflasche wird hoch und runter geschüttelt, aber die rote Soße entlädt sich nur tröpfchenweise, bis dann der Ketchupmoment eintritt und sich gefühlt der gesamte Inhalt der Flasche über die Speise ergießt. Wenn es ganz unglücklich läuft auch noch über wesentlich mehr als die Speise…

Wir merken uns dieses Bild, verlassen die Grillstelle und wenden uns der Ökonomie zu. Diese läuft weltweit, aber insbesondere auch in Deutschland, auf Hochtouren. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland ist nahezu nicht existent. Führt man sich zusätzlich vor Augen, dass in der offiziellen Arbeitslosenquote auch ein bestimmter Anteil enthalten ist, der nicht arbeiten kann, sei es aus gesundheitlichen oder sonstigen Gründen, sowie ein weiterer Anteil der schlichtweg nicht arbeiten will („harzen“), wird es langsam eng. Bedenkt man des Weiteren noch, dass die Arbeitslosenquote ein Durchschnittswert aus Branche und Altersschichten ist, wird schnell klar, dass in manchen Bereichen die Situation noch wesentlich dramatischer ist. Stichworte sind „Fachkräftemangel“ oder der von McKinsey geprägt Begriff des „War-of-Talents“ (was eigentlich auch nichts anderes ist, wie der nüchterne Begriff des Fachkräftemangels). Dass (andere!) Beratungen inzwischen über Personalvermittler Unterbeauftragungen vornehmen, um Aufträge bedienen zu können und dabei auf einen wesentlichen Teil der Marge verzichten, zeigt die Deutlichkeit der Situation.

Umso erstaunlicher ist jedoch aus meiner Sicht, dass sich diese Knappheit bisher weder in den Gehältern der Mitarbeiter noch in den Preisen widerspiegelt – so zumindest die aktuelle Wahrnehmung. Dies widerspricht den historischen Erfahrungen und auch unserem Wissen aus der Volkswirtschaftslehrevorlesung, wonach bei konstantem Angebot und steigender Nachfrage sich die Preise erhöhen (müssten). Auch in der Beratungsbranche waren bisher keine deutlichen Preis- und Gehaltssteigerungen zu beobachten. Hinsichtlich der Preissteigerungen scheint sich dies nun so langsam zu ändern, so zum einen unsere eigene Marktwahrnehmung, aber auch die offiziellen Verlautbarungen: „In der Eurozone hat sich die Inflation auf Erzeugerebene im September spürbar verstärkt. Wie das Statistikamt Eurostat am Montag mitteilte, lagen die Erzeugerpreise 2,9 Prozent über dem Niveau von vor einem Jahr. Im August hatte der Zuwachs im Jahresvergleich nur 2,5 Prozent betragen. Im Monatsvergleich legten die Preise, die Hersteller für ihre Produkte erhalten, um 0,6 Prozent zu. Analysten hatten eine Jahresrate von 2,7 Prozent und eine Monatsrate von 0,4 Prozent erwartet.“

Wir kehren nun wieder zurück zum Grillieren (ein wunderbares Schweizer Wort!) und dem Ketchup. Es existiert nämlich der Begriff der so genannten Ketchup-Inflation, geprägt vom renommierten US-Statistiker Nassim Nicholas Taleb (Buchempfehlung „Der schwarze Schwan“): Zuerst passiert bei der Inflation lange nichts, dann jedoch entlädt sich der Preisstau in einem großen Schwall – etwa, weil Konjunktur und Löhne schneller anziehen als vermutet. Allein zwischen 1987 und 1990 sprang sie von minus 0,1 auf 2,8 Prozent, zwischen 2009 und 2011 von 0,3 auf 2,1 Prozent. Warum sollte es diesmal anders sein und stehen wir jetzt wieder kurz davor, dass wir das Grillwürstchen unter einem Berg Tomatensauce suchen müssen? Es scheint fast so.

Hier kommen wir jetzt zum Finger am Abzug bzw. um der schönen Überleitung willen, muss man bei der Western-BBQ-Sauce natürlich auch gleich an rauchende Colts denken. Es ist nämlich vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis der ein oder andere Marktteilnehmer beginnt, die Preise für seine Kunden zu erhöhen und den Abzug für ein Preiserhöhungsduell in der Branche auszulösen. Eine zusätzliche oder alternative Lösung wäre es, die bestehende Ressourcenknappheit bei einzelnen Anbietern dadurch zu beseitigen, dass die Gehälter von den Mitarbeitern deutlich angehoben werden, um so die dringend benötigten Talente zu akquirieren (vorzugsweise natürlich von den Wettwerbern). Diese Gehaltserhöhungen würden sich dann wieder in einer verstärkten Nachfrage der Verbraucher und ansteigender Verbrauchspreisinflation niederschlagen. Wie die EZB dieses Dilemma mit einer steigenden Inflation in Deutschland und der mangelnden Zinstragfähigkeit der Südländer der Eurozone lösen will, bleibt spannend.

In diesem Sinne, beachten Sie aufmerksam die Preis- und insbesondere die Gehaltsentwicklungen in Ihrer Branche, um entsprechend schnell reagieren zu können, oder noch besser, agieren Sie bevor es Ihre Wettbewerber tun.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber