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Schweine so groß wie Eisbären

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Ich bin ja bekanntlich ein bekennender Verfechter des freien internationalen Handels. An manchen Stellen komme aber selbst ich dann ins Grübeln. So zum Beispiel letztes Wochenende bei der Zeitungslektüre.

Da war zum einen ein Artikel über in China gezüchtete Mastschweine. Dabei ist es den chinesischen Züchter inzwischen gelungen, Mastschweine so groß wie ausgewachsene Eisbären mit einem Gewicht von rund 500 Kilogramm zu züchten. Unabhängig von der aktuellen Diskussion um den Fleischkonsum („Fleisch ist das neue Rauchen“), hat das Ganze aber noch eine andere Komponente. So haben die USA im ersten Halbjahr 2019 177.060 Tonnen Schweinefleisch nach China exportiert (im Übrigen eine Steigerung gegenüber 2018 um 23 %) oder, umgerechnet in die Schweinebären, fast 300.000 Tiere (!) beziehungsweise in Normalschweinen mehr als 500.000. Diese werden dann offensichtlich tiefgefroren und über den Pazifik nach China transportiert.

Zum anderen (nicht ganz so reißerisch) ein Beitrag über Amazon, die im Jahr zehn Milliarden (!) Pakete versenden und zusätzlich mit ihren gigantischen Datenzentren einen gewaltigen Stromverbrauch aufweisen. Zwar will Amazon mit der Initiative "Climate Pledge" seine Emissionen abbauen oder kompensieren, lässt sich dabei aber bis 2040 Zeit. Dann wäre Jeff Bezos, der CEO von Amazon, 76 Jahre alt. Eher unwahrscheinlich, dass er bis dahin noch Amazon-Chef ist und für die Ziele geradestehen muss. Immerhin bis 2030 soll der gesamte Energieverbrauch aus erneuerbaren Quellen stammen, bis 2024 soll die Quote bei 80 % liegen.

Aber warum funktioniert dieses internationale Transportwesen überhaupt? Vermutlich grundsätzlich aus dem simplen Grund, dass die „Herstellung“ der gefrorenen Schweinhälften in den USA und die Transportkosten über den Pazifik durch den Preis gedeckt werden, den man in China bereit ist für US-amerikanisches Schweinefleisch zu zahlen. Analoges gilt für den E-Commerce, wobei es natürlich einen wesentlichen Unterschied gibt. Auch hier sind die Kunden bereit den Preis für den Artikel via E-Commerce gegebenenfalls zuzüglich Versandkosten zu zahlen. Hinzu kommt aber auch eine höhere Zahlungsbereitschaft auf Grund der höheren Bequemlichkeit der Lieferung direkt vor die Tür an Stelle des Laufens durch die Stadt, Parkplatzsuche und -kosten oder für die S-Bahn. Beide – also Schweinhälften und E-Commerce – profitieren jedoch von den niedrigen Transportkosten. Dass die Transportkosten so niedrig sind, weil die Kosten externalisiert werden, also zumindest teilweise von der Gesamtgesellschaft getragen werden, steht vermutlich außer Frage.

Um die Kurve jedoch noch zu bekommen…solche unkompensierten Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf Unbeteiligte – also Auswirkungen, für die niemand bezahlt oder einen Ausgleich erhält – gibt es durchaus nicht nur in der globalen (Transport-)Wirtschaft, sondern auch in jedem Unternehmen. Ein paar Beispiele gefällig? Der Kollege bekommt einen Laptop (Handy, verstellbaren Schreibtisch etc.) und löst als externen Effekt Neid aus, so dass auch alle anderen Kollegen ein solches Gadget wollen. Ein teurer neuer Füller eines Kollegen führt dazu, dass auch andere Kollegen sich einen solchen Füller gönnen, um im Status auf Augenhöhe zu sein (Alternativen: Uhr, Manschettenknöpfe etc.). Es gibt aber durchaus auch positive externe Effekte, wie (hoffentlich) beispielsweise der Geruch des Parfüms ihres Kollegen oder eine angenehme Kommunikation dank eines freundlichen Kundenanrufs.

In diesem Sinne, welche negativen und positiven Effekte fallen Ihnen denn so im Laufe des Tages ein, wenn Sie mit offenen Augen, Ohren und Nase durch’s Büro laufen?

Ihr 
Ingo Weber