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Ruf mich NICHT an!

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Ring, ring, das Telefon klingelt: „Hallo Herr Weber, hier ist Herr Schnellsprech, von der Firma IchverkaufDirwas hätten Sie kurz Zeit?“ – „Ja, sehr gerne, wie kann ich Ihnen helfen?“.

Kennen Sie diese Anrufe? Ein kurzes Gespräch und doch voller Lügen.

Lüge 1: „Hätten Sie kurz Zeit?“. Eiserne Regel, auch bei Reden, wenn der Vortragende beginnt mit „Ich werde mich kurzfassen…“: Gehen Sie sich getrost noch ein frisches Getränk holen, dies wird eine längere Rede, im besten Fall amüsant oder spannend, im schlimmsten Fall langweilig und rhetorisch schwach. So auch meistens bei Telefonaten mit solch einem Intro. Es stellt sich allenfalls noch die Frage, ob derjenige sich wirklich kurzfassen wollte, es aber vielleicht meine Schuld ist, dass das Gespräch länger geht.

Lüge 2: „Ja, sehr gerne…“. Vielleicht wollen wir diesen Satz noch (gedanklich) fortführen: „Ja, sehr gerne, ich sitze ohnehin gerade an meinem Schreibtisch, trinke Kaffee, starre Löcher in die Luft und hoffe, dass mein langweiliger 7,5h-Tag endlich zu Ende geht.“.

Zumindest ist das Intro bei diesem Gespräch eines der freundlicheren. Eine alternative, freundliche Formulierung wäre „…störe ich?“. Schlimmer hingegen sind die Fälle, bei denen man telefonisch überfallen wird, der nette Teil weggelassen wird und der Anrufer sofort mit der Tür ins Haus fällt (entweder offensichtlich oder verkäuferisch elegant verpackt).

Halten wir also fest, die meisten Leute warten nicht darauf, dass ihr Telefon klingelt und jemand sie aus ihrer Arbeit reißt.

Die technologische Entwicklung liefert auch ihren Beitrag. Die Kommunikation entwickelte sich vom Brief (wir starten aus Vereinfachungsgründen hier und ignorieren die Historie aus Boten und Rauchzeichen), Telefon, Telegramm und Fax hin zur E-Mail-Kommunikation. Diese wurde dann durch Chats und Messaging erweitert oder abgelöst (O-Ton: „E-Mails nutze ich nur noch, um mit den älteren Leuten zu kommunizieren.“). Aktueller, für die vor dem Internet aufgewachsenen Generationen ein ziemlich unverständlicher Trend, man schickt sich gegenseitig Voicemails. Da stellt sich doch die Frage: Warum nicht gleich wieder telefonieren?

Nun ja. Alle diese neuen Kommunikationsformen haben den Vorteil, dass man zum einen asynchron kommunizieren kann. Die Störung bei der Arbeit entfällt und die Bearbeitung der Anfragen kann dann erfolgen, wenn Zeit übrig ist (asynchrone Kommunikation). Ein bisschen erinnert es allerdings an den Rückfall in die Zeit der morgendlichen Bearbeitung der Eingangspost. Zum anderen hat man aber auch die Möglichkeit, auf die ankommende Kommunikation nicht zu reagieren oder es gibt zumindest ausreichend Zeit, sich Gedanken über die mögliche Antwort zu machen. Ob dies dann auch die effizienteste Form der Kommunikation ist, sei dahin gestellt. Es gibt ja auch unterschiedliche Betrachtungsweisen hinsichtlich der Effizienz. Sicher ist zweifelsohne, dass es manchmal durchaus Sinn macht, den E-Mail-Ping-Pong durch ein Telefonat zu beenden. Allerdings bleibt auch hier ein „Problem“: Wie kann ich denn jetzt nachweisen, was gesprochen wurde. Das gute alte „Wer schreibt der bleibt“-Motto ist sicherlich auch einer der Gründe für die vielen (cc) E-Mails. Und last but not least, hat auch das Telefonieren seine Nachteile: Man denke nur an die von Hintergrundgeräuschen oder Funklöchern begleiteten Handytelefonate oder die Lärmbelästigung des Umfelds durch (Laut-)Telefonierer in Bussen und Bahnen.

In diesem Sinne, nutzen Sie die für die Situation angemessene Form der Kommunikation, sie haben alle ihre Stärken und Schwächen, und erkennen und tolerieren Sie insbesondere auch die unterschiedlichen Kommunikationspräferenzen.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber