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Konsequent inkonsequent

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Personen mit Schwierigkeiten beim Small Talk sollte es in diesen Tagen eigentlich nicht geben. Brexit oder Brimain für die ökonomisch angehauchten Kandidaten, die Europameisterschaft für die sportliche Ecke und auf jeden Fall für jeden verständlich, das Schmuddelwetter die letzten Wochen, gefolgt von der aktuellen Hitzewelle. Da muss ich mich für meinen Blog dann schon am Riemen reißen, um inhaltlich etwas tiefer zu gehen. Konsequent, oder?

Genau das ist die Frage, die mich beschäftigte.

Kaum waren die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran dank der Einstellung des Atomprogramms aufgehoben, stürzte sich die ganze Wirtschaftswelt auf dieses Land, um dort große Geschäfte zu machen. Insbesondere die Infrastruktur des Landes benötigt dringend „Unterstützung“, aber auch die konsumfreudige Bevölkerung freut sich auf die westliche Mode. Aber wissen Sie auch, dass der Iran eines der Länder mit der höchsten Anzahl an vollstreckten Todesstrafen ist (allein 700 in der ersten Jahreshälfte 2015)? Geschenkt! Dass der Iran weiterhin aktiv Terroristen unterstützt? Geschenkt! Aber spricht man mit Leuten auf der (deutschen) Straße, so sprechen sich alle heftig gegen die Todesstrafe und den Terrorismus aus. Dafür jedoch auf das Geschäft verzichten? Lieber nicht.

Ein ähnliches Thema: Die Türkei. Auch hier wird kräftig über den Präsidenten Erdogan geschimpft und Jan Böhmermann als derjenige gelobt, der Herrn Erdogan endlich seine rechtlichen Grenzen aufgezeigt hat. Wir Deutschen lassen uns doch moralisch nicht unterkriegen! Oder vielleicht doch? Schon gibt es die ersten, die die Türkei als Urlaubsland „wieder“ entdeckt haben. Schließlich locken dank des Terrors in der Türkei, des Kriegs in Syrien und der Differenzen zwischen der Türkei und Russland wunderbar leere Strände, tolle wenig gebuchte Hotels und auch die Sicherheit ist dank der harten Hand des Präsidenten sichergestellt. Dass man hierdurch auch das Regime Erdogan unterstützt? Nicht so wichtig, Hauptsache schönen (und preiswerten) Urlaub.

Und als letztes, man kann es kaum noch hören, Volkswagen, das österreichische Familienunternehmen mit großen Produktionsstätten in Norddeutschland (und Stuttgart), welches versehentlich an der Börse notiert ist. Ganz Deutschland echauffiert sich über die (vermeintliche) Selbstbedienungsmentalität des Top-Managements, welches trotz des Abgasskandals auf die vertraglichen Regelungen beharrt. Abgesehen davon, dass vermutlich auch der Großteil der Bevölkerung so handeln würde („das Individuum handelt aus seiner Sicht rational“, so schon mein VWL-Professor an der Uni), wo bleibt denn die tatsächliche Reaktion? Wurde in Deutschland tatsächlich ein VW (oder Audi, Porsche, Bugatti, Ducati etc.) weniger bestellt, nur weil man das Verhalten „des Konzerns“ moralisch verwerflich fand? Die Anzahl derjenigen dürfte auf jeden Fall überschaubar sein.

In diesem Sinne, tun Sie auch das was Sie sagen, damit sind Sie konsistent und konsequent in Ihrem Handeln.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber