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Kollektive IFRS 9 Prokrastination?

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Wenn ich an den ein oder anderen Anruf in den letzten Wochen von verschiedenen Kunden zurückdenke, fällt eine überproportional große Zahl von Anrufen auf, die das Thema: „Wir müssten da noch etwas für IFRS 9 machen – könnten Sie mal eben…“ hatten. Nun kommt die Erstanwendung von IFRS 9 zum 1.1.2018 nicht ganz überraschend – das IASB hat den Standard bereits Mitte 2014 verabschiedet und auch das EU Endorsement ist seit Ende 2016 abgeschlossen. Ein Fall von kollektiver Prokrastination? Unter Prokrastination versteht man laut Wikipedia extremes Aufschieben – eine Arbeitsstörung, die durch ein nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen der Aufgaben gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kommt.

Ob es sich somit um Prokrastination handelt, hängt also nicht alleine davon ab, ob die Analyse und Umsetzung aufgeschoben wurde, sondern ob das Aufschieben unnötig war – wir unterscheiden also zwischen dem unnötigen Aufschieben und einem notwendigen bzw. gerechtfertigten Aufschieben aufgrund von einer abweichenden Priorisierung. Nun lassen sich bestimmt auch viele Rechtfertigungen für die Aufschiebung der IFRS 9 Umsetzungen finden (IFRS 15 war dringender und größer, IFRS 16 musste zuerst analysiert werden etc.), aber machen wir uns nichts vor – im Nachhinein finden wir eigentlich fast immer einen guten Grund warum wir eine Aufgabe nicht vorher erledigen oder ein Thema nicht angehen konnten. Neben den Varianten „unnötiges Aufschieben“ und „notwendige Priorisierung“ bleibt noch eine dritte Variante: die Fehleinschätzung des Sachverhalts bzw. des Aufwands. 

In vielen Fällen liegt meines Erachtens nämlich hier die tatsächliche Ursache. In einem ersten Schritt erwarten viele Unternehmen, die nicht dem Finanzsektor angehören – und wie die Erfahrung zeigt nicht ganz zu Unrecht – keine wesentlichen Erstanwendungseffekte aus IFRS 9. Was dabei jedoch oft übersehen wurde sind die vielen zusätzlichen bzw. geänderten Einzelanforderungen, die zwar keinen betragsmäßig wesentlichen Impact haben, aber trotzdem umzusetzen sind. Das fängt an mit der redaktionellen Änderung im Abschluss und Reporting Package, da auf einmal alle Kategorien neu heißen, und geht weiter mit der Ermittlung von erwarteten Verlusten für den Forderungsbestand. Klassischerweise erfolgt dieser basierend auf historischen Daten und hier stehen dann all jene Unternehmen vor einer Herausforderung, die vorwiegend oder ausschließlich Top-Kunden haben. Nur weil historisch kaum oder sogar keine Ausfälle vorliegen heißt dies nicht, dass hier ein Nullrisiko besteht. Trotzdem ist außerhalb der Finanzbranche der tatsächliche Erstanwendungseffekt oft gering.

Für IFRS 9 ist das Kind nun in den Brunnen gefallen – sprich: Wer es 2017 aufgeschoben hat und nun spät dran war läuft nun in die Situation, dass die Umsetzung oft nur unter entsprechendem Leidensdruck zustande kommt. Für zukünftige Themen können wir jedoch auch hieraus die Lehre ziehen (oder uns in Erinnerung rufen), auf unnötiges Aufschieben zu verzichten und bei Priorisierungen nicht nur die Wichtigkeit des Ergebnisses zu berücksichtigen, sondern auch den Umfang und Aufwand auf dem Weg zu diesem Ergebnis. 

Abschließend seien mir noch zwei Feststellungen erlaubt. Zum einen bleibt bei denjenigen, die sich immer noch nicht mit IFRS 9 beschäftigt haben, nur die Diagnose „Prokrastination im fortgeschrittenen Stadium“ und die Aufforderung dringend zu handeln. Zum anderen darf ich alle diejenigen trösten, die aufgrund notwendiger Priorisierung oder auch einer Fehleinschätzung in das Dilemma der Last-Minute-Umsetzung gelaufen sind: Auch wir Berater sind nicht frei von diesen Problemen und müssen gerade im traditionell arbeitsintensiven ersten Quartal die Aufgaben priorisieren. Andererseits unterlaufen auch uns Fehleinschätzungen des tatsächlichen Aufwands, die dann in der einen oder anderen Spätschicht kompensiert werden müssen.

In diesem Sinne, halten Sie sich von Prokrastination fern – die gezwungene Priorisierung und die leider nie vollständig zu vermeidenden Fehleinschätzungen reichen in der Regel aus, um den Puls in die Höhe zu treiben.

Bis bald

Ihr

Andreas Huthmann