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IBOR Reform Phase 2: IASB beschließt Erleichterungen bei der Anwendung von IFRS 9 und IAS 39

Financial Services -

Die Ablösung bestehender Referenzzinssätze (IBOR) stellt Banken weltweit vor eine Vielzahl an bereichsübergreifenden Herausforderungen. Das Zeitfenster für die Einführung der neuen Zinssätze wird zunehmend enger – so schreibt beispielsweise die Europäische Bankenaufsicht eine Umstellung von Finanzinstrumenten, die auf EONIA basieren, bis Ende 2021 vor. Das IASB hat frühzeitig auf Auswirkungen der Reformen auf das Rechnungswesen reagiert. Bereits zum 01.01.2020 sind die Anpassungen an IFRS 9 und IAS 39 aus der Phase 1 des IBOR Projekts anzuwenden, die im Wesentlichen Erleichterungen bei der prospektiven Beurteilung von Hedge Beziehungen im Zeitraum vor der Umstellung beinhalten.

Phase 2 des Projektes befasste sich mit Fragestellungen, die zum Umstellungszeitpunkt relevant werden. Dass das IASB nun Ende August 2020 – nur vier Monate nach Veröffentlichung des Exposure Drafts – signifikante Anpassungen an IFRS 9 und IAS 39 beschlossen hat, zeigt die Dringlichkeit der Thematik. Die Änderungen sind für Geschäftsjahre, die am oder nach dem 01.01.2021 beginnen, verpflichtend anzuwenden. Eine vorzeitige Anwendung ist möglich. Im Folgenden werden die wesentlichen Aspekte der Anpassungen kurz skizziert.

Modifikationen von Finanzinstrumenten

Es wurden Erleichterungen bei der bilanziellen Darstellung von Modifikationen beschlossen, die

  1. als unmittelbare Konsequenz aus der IBOR Reform erforderlich werden und
  2. auf wirtschaftlich äquivalenter Grundlage basieren.

Unter diesen Voraussetzungen ist die Veränderung der (zukünftigen) vertraglichen Zahlungsströme, die aus Vertragsanpassungen bezüglich des Referenzzinssatzes oder aus Inkrafttreten diesbezüglich vereinbarter Fallback-Klauseln resultiert, nicht im Modifikationsergebnis abzubilden. Stattdessen erlaubt der practicalexpedient eine Folgebewertung auf Basis des aktualisierten Effektivzinssatzes und somit eine Erfassung des Ergebniseffekts über die Restlaufzeit.

Bezüglich der Abgrenzung der „unmittelbaren Konsequenz“formuliert das IASB keine verbindlichen Kriterien. Es wurde jedoch hervorgehoben, dass hierbei nicht ausschließlich auf eine gesetzliche/regulatorische Verpflichtung zur Anpassung der Referenzzinssätze abgestellt wird. Nicht abgedeckt sind jedoch solche Anpassungen, die etwa aus geschäftspolitischen Erwägungen im Zusammenhang mit der Benchmark Reform resultieren, aber nicht zwingend erforderlich sind.

Die Beurteilung der wirtschaftlichen Äquivalenz bringt ebenfalls einen gewissen Ermessensspielraum mit sich. Explizit klargestellt hat das IASB jedoch in Hinblick auf historische Fallback-Klauseln, dass wenn die Umstellung der Vertragsbedingungen eines Finanzinstrumentes in mehreren Schritten erfolgt, jeder Zwischenzustand die Bedingungen für die Anwendung des practicalexpedient erfüllen muss. Ist dies nicht gegeben, hat die Erfassung der Modifikation gemäß IFRS 9 zu erfolgen. Hiervon betroffen sind insbesondere solche Vereinbarungen, die das „Einfrieren“ des zuletzt verfügbaren Zinssatzes als Interims-Lösung bei Wegfall des originären IBOR vorsehen.

Bilanzierung von Sicherungsbeziehungen

Die Ergebnisse der Phase 2 knüpfen an die Regelungen der Phase 1 an. Phase 1 sah vor, dass Sicherungsbeziehungen auf Basis der alten IBOR zunächst fortgeführt werden können, auch wenn diese ansonsten bei prospektiver Beurteilung aufgrund von Unsicherheiten zu beenden wären. Phase 2 setzt zu dem Zeitpunkt an, indem die bestehenden Sicherungsbeziehungen tatsächlich angepasst werden. Die damit einhergehende Anpassung der Hedge Dokumentation (Aktualisierung der Beschreibung der Sicherungsgeschäfte, Anpassung des abgesicherten Risikos etc.) soll einer Fortführung der Sicherungsbeziehung nicht entgegenstehen, sofern diese durch die IBOR Reform erforderlich wird. Die beschlossenen Erleichterungen ermöglichen es, einen neuen Referenzzinssatz als abgesichertes Risiko zu designieren, auch wenn dieser zum Designationszeitpunkt noch nicht als separately identifiable angesehen werden kann, da beispielsweise (noch) keine ausreichend liquiden Märkte vorliegen. Bedingung hierfür ist, dass die begründete Erwartungshaltung besteht, dass dieses Kriterium innerhalb von 24 Monaten erfüllt sein wird.

Einer wirtschaftlichen Betrachtungsweise folgend, soll eine Hedge Beziehung auch dann fortgeführt werden können, wenn keine Anpassung des Referenzzinssatzes eines Sicherungsgeschäfts vorgenommen wird, sondern dieses geschlossen und durch ein äquivalentes Neugeschäft auf Basis eines neuen Referenzzinssatzes ersetzt wird.

Erweiterte Anforderungen des IFRS 7

Folgende Angaben im Kontext der IBOR Reform müssen Unternehmen im Anhang vornehmen:

  1. Art und Umfang sowie Management der Risiken, die mit den Übergängen zu alternativen Referenzzinssätzen verbunden sind.
  2. Was sind die erzielten Fortschritte und Risiken zum Bilanzstichtag, die sich aus dem Übergang ergeben?
  3. Quantitative Angaben zu Finanzinstrumenten, die weiterhin auf zu ersetzenden Referenzzinsätzen basieren, aufgeteilt nach wesentlichen IBORs.
  4. Eine Beschreibung der Änderungen der Risikomanagementstrategie aufgrund der IBOR-Reform

Implikationen für die Praxis

Das IASB ist sehr bestrebt, die Auswirkungen der Benchmark Reform auf das Accounting gering zu halten. Eine Umstellung der Referenzzinssätze auf wirtschaftlich äquivalenter Basis sollte somit nahezu keine Effekte auf das Ergebnis der Banken mit sich bringen. Für das Rechnungswesen besteht dennoch umfangreicher Handlungsbedarf:

  • Der practicalexpedient erfordert sowohl bei der Beurteilung der „unmittelbaren Konsequenz“ als auch der „wirtschaftlichen Äquivalenz“ Ermessensentscheidungen. Dies kann je nach Geschäftsmodell eine sehr individuelle Analyse der bestehenden Finanzinstrumente erfordern. Es ist ein entsprechendes Vorgehen zu definieren, um die ungewollte Erfassung eines Modifikationsergebnisses zu vermeiden.
  • Vorliegende Hedge Dokumentationen sind auf Anpassungsbedarf hin zu untersuchen. Es ist ein Prozess zur Absicherung neuer, noch nicht als separately identifiable anzusehender Risikokomponenten aufzusetzen, die innerhalb von 24 Monaten identifizierbar sein werden.
  • Die quantitativen Anforderungen des IFRS 7 erfordern eine Analyse sowie gegebenenfalls eine Erweiterung des Datenhaushalts und der Reportingprozesse.
  • Im Hinblick auf die qualitativen Anhangangaben sind Kriterien zur Beurteilung des Umstellungsfortschritts und der mit der Umstellung verbundenen Risiken zu formulieren.
  • Beobachtung der Entwicklung der Märkte in Bezug auf Liquidität und Markttrends, um trotz der wesentlichen Erleichterungen die Fortführung der Hedge Beziehungen im Sinne des Hedge Accountings nicht zu gefährden.

Insgesamt dürften die Beschlüsse des IASB im Sinne der Anwender sein und diese weitestgehend vor unerwünschten buchhalterischen Effekten schützen. Nichts desto trotz bedarf es einiger Anstrengung, den dokumentarischen sowie prozessualen Anforderungen fortlaufend Rechnung zu tragen und relevante Marktbewegungen im Auge zu behalten.

Sollten Sie nähere Informationen wünschen oder weitere Fragen haben, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.