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Höher, schneller, weiter!

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Höher, schneller, weiter, so das Motto für zahlreiche Sportarten (bzw. für Freunde der gepflegten Rockmusik auch gerne, schneller, härter, lauter). Aber nicht nur für den Sport gilt dieser Leitspruch. In vielen Bereichen ist inzwischen das vorherrschende Prinzip, dass größer besser ist und alles muss möglichst schnell erfolgen – auch in der Wirtschaft. Damit einher geht die Vorstellung, dass in der Ökonomie (profitables) Wachstum über allem steht. Stellen Sie sich ein Unternehmen vor, das in der Öffentlichkeit kommuniziert, dass seine Umsatzerlöse (und damit häufig eben auch die Gewinne) geschrumpft sind – schlecht vorstellbar, oder? Wäre dieses Unternehmen börsennotiert, würde es vom Kapitalmarkt, je nach Ausmaß, mit einem ordentlichen Sell-Off bestraft werden und Forderungen nach der Ablösung des Vorstands würden laut. Wenn das Ganze dann noch getoppt werden soll, verlautet die Geschäftsführung in der Veröffentlichung zu den gesunkenen Zahlen womöglich zusätzlich, dass es sogar geplant oder gewünscht war, dass es in diesem Jahr zu keinem Wachstum kommt. Durchschnaufen, innehalten, konsolidieren scheint in diesem Kontext nicht gewünscht. Auch ich persönlich fühle mich hier ertappt, ist doch mein Lösungsvorschlag für manche kapazitiven oder zeitlichen Herausforderungen bei uns der – manchmal zugegebener Maßen ironische – Vorschlag: „Schneller werden!“.

Aber muss dies immer sein? Sind nicht durchhalten, innehalten, konsolidieren positiv belegte Begriffe? Ist es nicht sinnvoll, sich auch im Wirtschaftsleben manchmal eine wachstumsmäßige Auszeit zu nehmen, um das Wachstum in der Vergangenheit zu verdauen, die Strukturen und Prozesse den Entwicklungen der Vergangenheit anzupassen bzw. die Voraussetzungen für zukünftiges Wachstum zu legen? Ist nicht eine langfristige oder zumindest mittelfristige positive Entwicklung wesentlich entscheidender als ein kurzfristiges Hecheln nach der Erreichung des nächsten Levels? Auch für den „normalen“ beruflichen oder den privaten Bereich ist dies im Übrigen eine Überlegung wert. Zugegebener Maßen, für börsennotierte Unternehmen ist dies eine schwierige Herausforderung, ist doch allgemein anerkannter Konsens in der Peer Group, dass Wachstum sein muss. Ein geringeres Wachstum als die Vergleichsunternehmen oder sogar ein Rückgang wird von den kurzfristig (!) orientierten Aktionären (sind dies dann eigentlich Investoren oder Spekulanten?) nicht goutiert. Genau hierin liegt jedoch im Übrigen der Charme börsennotierter Familienunternehmen. Durch die stabile Shareholderbasis wird die langfristige strategische Ausrichtung des Unternehmens sichergestellt. Gleichzeitig stellen jedoch die familienfremden Aktionäre sicher, dass ausreichend „Druck“ besteht, dass das Unternehmen nicht an Dynamik verliert, weil womöglich die Familiengesellschafter mit dem bisher erreichten zufrieden sind.

Dies ist nämlich das große Risiko, wenn es – bei Unternehmen (aber nicht nur, siehe oben beruflich und privat) – an Wachstum und Dynamik fehlt. Die Konkurrenz schläft bekanntlich nicht und wenn ein Unternehmen auf Dauer (!) langsamer wächst als die Wettbewerber, erhält es ein schlechteres Image, es wird Marktanteile und Kunden verlieren und sich bei der Gewinnung und dem Halten von qualifizierten Fach- und Führungskräften vor großen Herausforderungen sehen. Wer möchte schon bei einem Unternehmen arbeiten oder zu einem Lieferanten zählen, das oder der „schlechter“ ist als der Markt?

Inwieweit die (Welt-)Wirtschaft überhaupt wachsen muss bzw. vor dem Hintergrund begrenzter Ressourcen auch kann, ist Gegenstand von spannenden Diskussionen, die sich teilweise auch im philosophischen Bereich bewegen. Wer Interesse daran hat, dem sei die Lektüre von „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus dem Jahre 1972 mit Update aus 2012 empfohlen, damals finanziert von der Volkswagenstiftung...

In diesem Sinne achten Sie auf ein langfristiges, stabiles Wachstum, nehmen Sie sich aber auch die Zeit zum Innehalten und Durchatmen.

Bis bald

Ihr
Ingo Weber