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Eskalierendes Engagement

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Eine unbeabsichtigte, aber dennoch passende Fortsetzung meines letzten Blogbeitrages „Sind Sie noch Büro?“…

Kennen Sie das auch? Irgendwie erwischt es immer die Gleichen. Es gibt diejenigen, die pünktlich gehen, ihre Aufgaben (vermeintlich) im Griff und damit ausreichend Zeit für die Freizeitgestaltung haben. Und dann gibt es die anderen. Das sind die Personen, bei denen sich auf dem Schreibtisch bzw. im E-Mail-Posteingang immer mehr und mehr Aufgaben und Anfragen türmen, die immer als Erste im Büro sind und dafür auch zuletzt gehen. Diese ungleiche Arbeitsbelastung in Unternehmen wird auch durch eine Studie amerikanischer Wissenschaftler bestätigt. Dabei wurden mehr als 300 Unternehmen untersucht und festgestellt, dass die wertschöpfenden Tätigkeiten in Teams von nur 3 bis 5 Prozent der daran beteiligten Mitarbeiter geleistet werden!

Was es noch schlimmer macht: Dies sind leider nicht (immer) diejenigen, die besonders langsam arbeiten, besonders ungeschickt sind (freundlich formuliert) oder besonders schwierige Aufgaben haben. Ganz im Gegenteil. Es sind häufig diejenigen, die am intelligentesten und engagiertesten sind, aber „leider“ auch am hilfsbereitesten. „Eskalierendes Engagement“ nennt Mark Bolino, Professor an der University of Oklahoma, diesen Teufelskreis – getreu dem Motto „Arbeit zieht Arbeit nach sich.“ (bzw. im Originalzitat „Aabeit zieht Aabeit nach sich“, Brösel, Rötger Feldmann „Werners Kleines Eckige“ 2001).

Unabhängig davon, dass dieses Phänomen bei den betroffenen Mitarbeitern zu Frustration, Burn-out und/oder (innerer) Kündigung führt, hat dies auch für das Unternehmen weitere signifikante Auswirkungen. „Weitere“ deswegen, da natürlich schon die Frustration des Mitarbeiters alleine eine wesentliche negative Konsequenz für das Unternehmen ist. Auch und insbesondere Verzögerungen bei Aufgaben und Projekten sind jedoch die Folge von solchen personellen Engpässen, da natürlich auch bei dem engagiertesten Mitarbeiter die zeitlichen und mentalen Ressourcen begrenzt sind.

Wer sind nun die betroffenen Mitarbeiter? Hier bieten sich sogenannte Netzwerkanalysen an. In einer Matrix (ja, bei Beratern landet alles früher oder später in einer – vorzugsweise 2*2 – Matrix…) mit X-Achse „Prozentsatz der Kollegen, die mit den betreffenden Mitarbeitern besonders gern zusammenarbeiten“ und der Y-Achse „Prozentsatz der Kollegen, welche die betreffenden Mitarbeiter für eine wichtige Informationsquelle halten“. Diejenigen, die bei beiden den höchsten Prozentsatz aufweisen, sind in der Regel auch die unzufriedensten. Sie haben die wichtigen Informationen, sind zudem auch noch beliebt und werden daher gerne angefragt. Es sei an dieser Stelle nur am Rande erwähnt, dass dieses Phänomen im Übrigen mehr Frauen als Männern betrifft. Begründet wird dies mit der für Frauen eher typischen Eigenschaft von sozialem und fürsorglichem Engagement.

Aber was ist zu tun, um dies zu vermeiden? Eine einfache Empfehlung wäre beispielsweise, die Anzahl der abteilungsübergreifenden Projekte, die eine hohe Anzahl von Personen bindet, zu begrenzen. Leichter gesagt, als getan. Eine weitere Möglichkeit ist, die Mitarbeiter für sinnvolle Beiträge zu Projekten stärker zu würdigen und zu belohnen. Allerdings führt dies vermutlich nur noch zu einer weiteren Eskalation.

Also wie dann? Wichtig ist im ersten Schritt, überhaupt einen Überblick darüber zu bekommen, welcher Mitarbeiter wie in welches Projekt eingebunden ist. Dann gibt es drei Hebel:

1) Vorbildfunktion: Coachen Sie die entsprechenden Mitarbeiter (PersonalFÜHRUNG!), insbesondere beim Priorisieren und bei der Aussprache des Wortes „Nein“. Letzteres im Übrigen ein Wort, welches man viel zu selten nutzt.

2) Technologie: Nutzen Sie die modernen Technologien, um Wissen unternehmensweit zugänglich zu machen und so den Rückgriff auf personelle Ressourcen zu vermeiden.

3) Organisation: Überprüfen Sie die generelle Organisation Ihres Unternehmens und welche Funktionen und Aufgaben überhaupt noch notwendig sind.

In diesem Sinne achten Sie darauf, dass es in Ihrem Unternehmen nicht zu einem eskalierenden Engagement kommt. Die Folgen für die einzelnen Mitarbeiter und das Unternehmen sind signifikant!

Bis bald

Ihr

Ingo Weber