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Due Diligence und die Heirat von Benjamin Franklin’s Neffen

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Benjamin Franklin schickte 1779 einen Brief an seinen Neffen, um ihn in einer Heiratsangelegenheit zu beraten:

"Wenn du zweifelst, notiere alle Gründe, pro und contra, in zwei nebeneinanderliegenden Spalten auf einem Blatt Papier, und nachdem du sie zwei oder drei Tage bedacht hast, führe eine Operation aus, die manchen algebraischen Aufgaben ähnelt; prüfe, welche Gründe oder Motive in der einen Spalte denen der anderen in Wichtigkeit entsprechen – eins zu eins, eins zu zwei, zwei zu drei oder wie auch immer – und wenn du alle Gleichwertigkeiten auf beiden Seiten gestrichen hast, kannst du sehen, wo noch ein Rest bleibt...

Dieser Art moralischer Algebra habe ich mich häufig in wichtigen und zweifelhaften Angelegenheiten bedient, und obwohl sie nicht mathematisch exakt sein kann, hat sie sich für mich häufig als außerordentlich nützlich erwiesen.

„Nebenbei bemerkt, wenn du sie nicht lernst, wirst du dich, fürchte ich, nie verheiraten. Dein Dich liebender Onkel B. Franklin" (Zitat aus: Gerd Gigerenzer „Bauchentscheidungen“ aus 2006 bzw. aktueller aus 2013 „Risiko: Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“).

Und wir stellen fest, betrachten wir unsere eigene Partnerschaft, so haben vermutlich nur die wenigsten von uns eine Pro- und Contra-Liste aufgestellt sowie diese gegebenenfalls noch gewichtet, um eine so wichtige und weitreichende Lebensentscheidung zu treffen. Ganz zu schweigen im Übrigen von der Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen, die dann durch ein Kriterienraster gesiebt werden.

Auch bei anderen Dingen wird häufig aus dem Bauch heraus entschieden, wie zum Beispiel dem Kauf einer neuen Hose. Und mit diesen Bauchentscheidungen leben viele Menschen auch sehr gut. Eher unglücklicher die Fälle, bei welchen anhaltend nach der optimalen Lösung (hier: die beste und günstigste Hose aller Zeiten, aber auch gerne im privaten Bereich) gesucht wird, um dann die (Kauf-)Entscheidung immer weiter zu verzögern, da am Ende eben nicht sicher ist, dass es nicht doch noch in einem Laden in einer verwinkelten Seitengasse eine noch bessere Hose gibt oder die Hose vielleicht am Tag darauf auf Grund eines tollen Sonderangebots noch viel günstiger zu erwerben ist. Sie kennen solche Themen eventuell auch im Freundes- und Bekanntenkreis…

Im Geschäftsleben ist es dann allerdings natürlich vollkommen anders. Hier regiert der Homo Oeconomicus, ein stets rational entscheidendes Individuum, welches alle Fakten en détail kennt und umfassend bei seiner Entscheidungsfindung einbezieht – nicht. Anders als im Privatleben herrscht im Beruf jedoch die Erwartungshaltung vor, dass stets rational entschieden wird. Hintergrund ist der Schutz vor möglichen Fehlentscheidungen gegenüber externen Stakeholdern wie Aktionären oder der Öffentlichkeit oder aber internen Stakeholdern wie Vorgesetzen oder Mitarbeitern. Dass leider sehr häufig dann eben gar nicht entschieden wird (wer nichts macht, macht keine Fehler) oder aber erst nach umfangreichen Entscheidungsvorlagen, Analysen, Auswertungen und Abstimmungsrunden und häufig zu spät und zu kurz gesprungen, ist dann die Folge. Es sei am Rande erwähnt, dass natürlich die Beratungsbranche hiervon durchaus profitiert, die Entscheidung von Führungskräften zu unterstützen bzw. als Rechtfertigung dafür gerade zu stehen. Seien es großen Strategie- oder Restrukturierungsprojekte oder internationale Due Diligences im Rahmen von M&A-Transaktionen.

Betrachtet man jedoch empirische Untersuchungen in diesem Bereich, so ergibt sich auf Basis von (anonymen!) Befragungen, dass über 50 % der Entscheidungen von Führungskräften aus dem Bauch heraus getroffen werden. Im Übrigen ist die Quote derjenigen die angeblich (!) keine Bauchentscheidungen treffen, auf Grund des vermeintlichen Rechtfertigungsdrucks in den unteren Hierarchieebenen deutlich höher. Bei Frauen ist die Quote der Bauchentscheidungen ebenso höher. Alle freuen sich, endlich die Bestätigung der weiblichen Intuition. Allerdings ist die Erkenntnis jedoch, dass Frauen eher bereit sind zuzugeben, dass sie Bauchentscheidungen treffen, im Gegensatz zu ihren männlichen Pendants. In Summe führt dies dann häufig zu defensiven Entscheidungen und zur Verlangsamung oder völligen Vermeidung von Innovationen. Dies ist auch einer der Gründe für den Erfolg von Start-up-Unternehmen, die durch schnelle Entscheidungen häufig aus dem Bauch heraus, etablierten Konzernen Konkurrenz machen. Try fast, fail fast im Sinne einer Kultur der Akzeptanz von Fehlern ist dies durchaus eine Überlegung wert, stets natürlich unter der Berücksichtigung der Dimensionen der Entscheidung. So mag es, um bei dem Thema Due Diligence zu bleiben, gerechtfertigt sein, bei einer kleinen Transaktion und einem über lange Jahre gebildeten Vertrauensverhältnis zum Target, auf umfangreiche Due Diligence Handlungen zu verzichten. Handelt es sich jedoch um ein signifikantes Merger-Projekt mit umfassenden Auswirkungen auf die Aktionärsstruktur, dann sind intensivere Überlegungen im Rahmen einer Due Diligence sicherlich angebracht.

Um den eventuell sich ergebenden Missverständnissen vorzubeugen: Dies ist kein Plädoyer für spontane, nicht durchdachte und womöglich noch sprunghafte Entscheidungen nur aus dem Bauch heraus. Die kritische Reflektion von Ideen und das Abwägen von Alternativen haben vor einer Entscheidungsfindung zwingend ihre Berechtigung. Die Erwartungshaltung jedoch, dass alle Entscheidungen und Ideen sich rational begründen lassen und die Verneinung von Erfahrungen und Heuristik führen jedoch nicht zu besseren Entscheidungen, wenn sie überhaupt zu Entscheidungen führen.

In diesem Sinne, seien Sie sich bewusst, dass Entscheidungen häufig(er) aus dem Bauch heraus getroffen werden und verlangen Sie nicht für jede Entscheidung eine rationale Begründung und umfangreiche Dokumentationen, kurz: handeln Sie unternehmerisch!

Bis bald

Ihr

Ingo Weber