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Diktatur und Demokratie

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Dienstagmorgen, 6 Uhr, n-tv, zwei aktuelle Schlagzeilen kurz hintereinander:

„Maduro will offenbar Parlament auflösen“: In dem seit Monaten dauernden Machtkampf in Venezuela will Präsident Nicolás Maduro offenbar das von der Opposition kontrollierte Parlament auflösen. Die regierungstreue verfassungsgebende Versammlung setzte eine Kommission ein, die den Termin für die Parlamentswahl festlegen soll…Regulär würden die nächsten Parlamentswahlen erst Ende kommenden Jahres stattfinden. Nachdem Präsident Maduro fast alle staatlichen Institutionen in Venezuela mit seinen Gefolgsleuten besetzt hat, ist die Nationalversammlung die letzte Bastion der Regierungsgegner.

„USA und Kanada rufen zur Zurückhaltung auf“: Die USA haben die Konfliktparteien in Hongkong nach teils gewaltsamen Auseinandersetzungen zur Zurückhaltung aufgerufen. „Gesellschaften hilft es am meisten, wenn verschiedene politische Ansichten respektiert werden und frei und friedlich ausgedrückt werden können“, sagte ein hochrangiger Vertreter der US-Regierung…Kanadas Premierminister Justin Trudeau zeigte sich "extrem besorgt" über die derzeitige Lage in Hongkong. „Wir rufen zu Frieden, Ordnung und Dialog auf", sagte Trudeau auf einer Pressekonferenz, „Wir appellieren natürlich an China, sehr vorsichtig und respektvoll im Umgang mit Menschen zu sein, die legitime Sorgen in Hongkong haben."

Hieraus kann man sehr schön Parallelen zur Führung von Unternehmen beziehungsweise zu Kulturen in Unternehmen ziehen.

Einerseits gibt es die Maduros dieser Welt (nicht die Venezolaner, ihnen würde man noch mehr Unrecht tun – und ja, die Rechtschreibprüfung sagt: mit „o“ statt mit „u“). Sie führen ihr Unternehmen mit eiserner Hand, getreu dem alten Schrempp Prinzip: „My way or highway!“ (zur Erinnerung, Schrempp war der CEO von Daimler, der den Merger mit Chrysler durchgesetzt hat, was bekanntlich in einem ziemlichen Desaster endete). Nur ihr Wille und ihre Einstellung zählen – Bastionen der Gegner, seien es Abteilungen oder einzelne Personen, müssen durch Gefolgsleute besetzt werden. Nur so ist ein Machterhalt möglich. Die Kultur in dem Unternehmen ist entsprechend: Wer hält zu wem, gegen oder für Maduro und es wird auf Fehler gelauert, um Gegner möglichst elegant zu beseitigen. Aber auch nicht zu vergessen: Entscheidungen werden schnell getroffen und zügig um- und durchgesetzt.

Andererseits gibt es die - nennen wir sie - die Trudeaus (eine Referenzierung zu den USA macht aktuell wohl auch keinen Sinn). Es werden unterschiedliche sachliche und persönliche Ansichten respektiert. Diese können offen und frei ohne Sorge um Konsequenzen ausgedrückt werden. Der Umgang untereinander ist von Vorsicht und gegenseitigem Respekt geprägt und friedvoll. Es herrschet eine konsensorientierte Kultur und Entscheidungen werden in gemeinsamer Übereinstimmung getroffen. Wir haben gedanklich schon eine rosa Unternehmenswolke vor Augen und Harfenklänge im Ohr…

Spannend wird es nun in zwei Punkten beziehungsweise Fragen.

Zum einen: Welche Unternehmen oder Kulturen sind denn erfolgreicher? Man neigt natürlich spontan zu den Trudeaus dieser Welt. Konsensorientierte und offene Unternehmen, das ist es doch, was wir heute alle wollen. Für Unternehmen fehlt mir leider eine empirische Vergleichsbasis (freue mich jedoch über Interessenten aus der Wissenschaft). Für Länder gibt es allerdings eine Statistik, welche das BIP-Wachstum auf USD-Basis 1990 bis 2016 vergleicht. In absteigender Reihenfolge die Top10: Äquatorialguinea, China, Myanmar, Katar, Mosambik, Kambodscha, Kap Verde, Laos, Vietnam, Indien. Wie viele wirkliche Demokratien sind denn in dieser Liste der erfolgreichen Länder (Tipp: Kap Verde ist immerhin Platz 23 von 167 Ländern im Demokratieindex, die beste Platzierung in Afrika!)?

Zum anderen: Was passiert wenn Maduro und Trudeau aufeinandertreffen? Wird der konsensorientierte Trudeau den Machtmenschen Maduro bekehren? Oder bezogen auf die Regierungsformen: Wird sich die Demokratie gegenüber der Diktatur durchsetzen? Schaut man sich auch hier wiederum die Beispiele in verschiedenen Ländern an, so war der Übergang von Diktaturen zu Demokratien – gleichwohl er denn wünschenswert erscheint – ein doch eher steiniger Prozess, zuletzt zu sehen im arabischen Frühling in Nordafrika, der dieser Region in einem ziemlichen Chaos hinterließ. Und waren vielleicht auch die Fälle, in denen eine Demokratie in eine Diktatur abdriftete vielleicht in den letzten Jahrzehnten sogar häufiger? Vermutlich wird dies nur funktionieren, wenn Trudeau die Mehrheit der Bevölkerung beziehungsweise Unternehmensbelegschaft hinter sich wähnen kann. Wir werden es in Venezuela sehen, wie es sich ausgeht.

In diesem Sinne, ziehen Sie doch öfters mal einen Vergleich zwischen Politik und Unternehmen, es gibt mehr Parallelen als Sie denken (oder befürchten)!


Ihr 
Ingo Weber