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Digitalisierung vs. IFRS

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Softwareentwicklung, ob zu Zwecken der Künstlichen Intelligenz oder Distributed-Ledger-Technologien, findet heute häufig agil statt. Diese Entwicklungsprojekte leben davon, dass im Voraus nur ein gewünschter, aber kein konkreter Zielzustand definiert wird. Derartige Projekte sind dadurch gekennzeichnet, dass im Projektverlauf gewonnene Ergebnisse und Erkenntnisse – die in dieser Form eventuell gar nicht so vorhergesehen und eingeplant waren – immer neu ausgerichtet und adjustiert werden. So sind der konkrete Fertigstellungszeitpunkt und die finale Nutzenbestimmung in einem agilen Projekt variable Parameter. 

Ein Blick in die International Financial Reporting Standards (IFRS) offenbart nun die Problematik für software-intensive Unternehmen: Der Bilanzierer orientiert sich beim Ansatz von Softwarekosten (Entwicklung, Zukauf etc.) an IAS 38 Immaterielle Vermögenswerte und somit an der Identifizierbarkeit (separat verkäuflich, übertragbar, lizenzierbar oder anderweitig verwertbar oder aus vertraglichen oder anderen gesetzlichen Rechten entstehend), der Verfügungsmacht  und dem künftigen wirtschaftlichen Nutzen. Bereits die Identifizierbarkeit ist aufgrund der agilen Entwicklungsmethodik und der Individualität neuer Entwicklungen nicht einfach festzustellen. Die Idee des Standards, beispielsweise Künstliche Intelligenz aus einem verändert ausgerichteten oder neu entstandenen Geschäftsmodell einfach herauszutrennen, ist in der Praxis undenkbar. 

Zudem stößt die Bewertung entsprechend des IAS 38 auch an die praktischen Grenzen einer agilen Entwicklung. Die geforderte trennscharfe Linie zwischen Forschungs- und Entwicklungskosten ist schwer einzuzeichnen, aktuell gemäß des Standards jedoch notwendig, um die Aktivierung des entstandenen Aufwands zu erreichen. Gelingt es nicht, den immateriellen Vermögenswert während der Entstehung verlässlich zu bewerten, ist der komplette Aufwand für das Entwicklungsprojekt GuV-wirksam. Die Notwendigkeit, Art und Weise der Erbringung von wirtschaftlichem Nutzen als weiteres Kriterium für eine Aktivierung der Aufwände zu definieren, steht im kompletten Gegensatz eines agilen Projektvorgehens in der Softwareentwicklung. Dass die täglich angekündigten und in den nächsten Jahren anstehenden Investitionsvolumen für Digitalisierung größtenteils als Vermögen in den Bilanzen der Unternehmen wiederzufinden sein sollen, steht außer Frage. Die Kunst wird jedoch darin bestehen, den an Individualität und Komplexität zunehmenden Vermögenswert „Software“ während und nach seiner Entstehung verlässlich zu bewerten. 

Auch die Folgebewertung wird deutlich komplexer: Ziel Künstlicher Intelligenz ist es, durch die zugrunde liegende Software in Verbindung mit Daten, Ergebnisse und Vorhersagen immer präziser und besser werden zu lassen. Findet bei einem selbst lernenden Algorithmus und nicht versiegenden Datenströmen tatsächlich ein Werteverzehr statt? Distributed-Ledger, oder im speziellen Blockchain, werden erst durch die Verbreitung und die Nutzung der Technologie interessant und wertvoll – im Kontext aktueller Rechnungslegungsstandards sollte dies eine Überlegung wert sein. 

Fazit: Eine vollständige Disruption der IFRS wird nicht notwendig sein. Jedoch ist der Bedarf erkennbar, die IFRS „inhaltlich zu digitalisieren“ und die in der Praxis vorhandene Dynamik und Individualität beim Thema Software und Softwareentwicklung abzubilden. Der einfache Begriff „Computer Software“, den der IAS 38 aktuell verwendet, ist von den heutigen Entwicklungsstandards und den damit verbundenen Projekten so weit entfernt wie die Erde von der Sonne. 

Ihr 

Patrick Weber