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Die Rolle des Aufsichtsrats in der Energiewende

Board Advisory News -

Schlagworte wie CO2-Handel, Energie-Compliance, Energiekostenoptimierung etc. bestimmen bereits jetzt die Strategien der Unternehmen, insbesondere der energieintensiven Branchen, mit Blick auf Asset-Klassen im Energiesektor auch der Investoren und Banken. Die Themen der Energiewende sind – mit ihren Querbezügen zur Verkehrswende und Wärmewende – derzeit im schnellen Wandel begriffen. Der Energiesektor ist mit Blick auf Technik, Markt und Regulierung hochkomplex.

In dieser Situation sind Aufsichtsräte gefordert, die energiewirtschaftlichen und regulatorischen Zusammenhänge zu durchdringen, um die Auswirkungen auf ihr Unternehmen mit Blick auf die Strategie, aber auch auf die bestehenden Compliance-Pflichten einzuordnen und angemessene Entscheidungen treffen zu können. Diese Aufgabe ist anspruchsvoll und angesichts der Bedeutung der Energiewende für den Klimaschutz fundamental. Ein Nicht-Befassen mit dieser Thematik kann in letzter Konsequenz dazu führen, dass das Geschäftsmodell eines Unternehmens durch regulatorische Entwicklungen zum Klimaschutz und zur Energiewende in Frage gestellt wird.

I. Herausforderungen der Energiewende für Unternehmen und Aufsichtsrat

1. Die Mammutaufgabe: CO2-Neutralität der Wirtschaft

Die Menschheit und damit jedes Unternehmen steht vor einer immensen Herausforderung: Leben und Wirtschaften muss auf CO2-Neutralität ausgerichtet – im Jargon der Energiewende „dekarbonisiert“ - werden. Dies wird zunehmend grundlegende Änderungen hergebrachter Aktivitäten und Prozesse, wie z. B. eine CO2-neutrale Aufstellung des Bereichs Logistik oder die Berücksichtigung des Schutzes des Regenwalds bei der Beschaffungsstrategie begleiten.

2. Klimawandel und Endlichkeit der Nutzung fossiler Energien

Die Wissenschaft ist sich einig: Ein „Weiter-So“ der Industrienationen wie bisher, gepaart mit der zunehmenden Industrialisierung in den Ländern mit hohem Bevölkerungswachstum wird in eine Klimakatastrophe führen. Stefan Rahmstorf, Ko-Leiter der Abteilung Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung stellte hierzu fest, dass die Zunahme der Hitzeextreme genau dem entspricht, was von der Klimawissenschaft als eine Folge der globalen Erwärmung vorhersagt wurde, die durch den steigenden Ausstoß von Treibhausgasen aus der Verbrennung von Kohle, Öl und Gas verursacht wird.

Darüber hinaus ist die Verfügbarkeit der fossilen Energiequellen endlich. Für eine vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien – Sonne, Wind und Biomasse - gibt es letztendlich keine Alternative.

Schon daraus folgt die steigende Bedeutung von Energiewendethemen im Rahmen der Aufsichtsratsarbeit.

3. Verbindlichkeit von Klimazielen für Unternehmen

Je weiter das nach dem Pariser Klimaschutzabkommen für die Staaten noch verfügbare CO2-Budget schrumpft und die Auswirkungen des Klimawandels spürbar werden, desto mehr werden Ansätze in der Politik zunehmen, die auf ordnungsrechtliche Vorgaben setzen – wie aus dem Umweltschutz bekannt. Ein Anfang ist mit dem Klimaschutzpaket der Bundesregierung vom 20. September 2019 gemacht. Klimaschutzmaßnahmen eines Unternehmens werden damit immer mehr Teil der Erfüllung sanktionsbewehrter Compliance-Pflichten. Ein Aufsichtsrat, der sein Unternehmen auf dem Weg zur Dekarbonisierung begleitet, sollte sich dessen bewusst sein.

4. Grundlegender Umbau des Energiesektors

Die Energieversorgung durchläuft seit einigen Jahren einen fundamentalen Änderungsprozess in Richtung Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung. Erneuerbare Energien verdrängen die Erzeugung auf der Grundlage der fossilen Brennstoffe. Letztverbraucher werden zu „Prosumern“, die selbst Energie erzeugen und in Zukunft auch untereinander austauschen werden. Quartiers- und Autarkiekonzepte entstehen. Auch Unternehmen erweitern ihre Marktrolle und werden neben Letztverbrauchern zu Lieferanten und Netzbetreibern. Insbesondere große Industrieparks sind mit allen Themen der Energiewende umfassend konfrontiert.

In der Folge steigen die Compliance-Anforderungen mit Bezug auf Energiethemen. So ergeben sich aus der zunehmenden sektorspezifischen Regulierungsdichte neue Anforderungen an ein steuerliches Internes Kontrollsystem („Steuer-IKS“) mit Bezug auf die Energie- und Stromsteuer sowie regulierte Energiekosten.

Darüber hinaus werden Unternehmen mit neuen Geschäftsmodellen konfrontiert, die mit Blick auf Investitionsentscheidungen des Aufsichtsrats Hintergrundwissen erfordern: Dezentrale Erzeugungsanlagen ersetzen einen Teil des Strombezugs aus großen Kraftwerken. Strom-, Gas- und Wärmeversorgung werden gekoppelt – mit industriellen Prozessen, der Immobiliennutzung und der Mobilität („Sektorkopplung“). Flexible Versorgungslösungen mit Stromspeichern nehmen zu.

Der Ausbau der Elektromobilität ist ein weiteres Beispiel. Auf Betriebsgeländen werden Ladestationen errichtet. Unternehmen sind hier mit einer Vielzahl von regulatorischen Vorgaben zur Elektromobilität konfrontiert. Auch die Einsatzmöglichkeiten von Wasserstoff werden fortentwickelt. Abhängig vom CO2-Preis könnten selbst fundamentale Umstellungen von Produktionsprozessen in der Zukunft rentabel werden.

Diese neuen Entwicklungen verursachen in der Phase des Umbaus der Energieversorgung erhebliche Kosten. So macht die Belastung der Stromverbraucher durch Steuern, Umlagen und Abgaben mittlerweile über 50 % des Strompreises aus.

Ausblick:

In der nächsten Ausgabe unseres Newsletter setzen wir dieses Thema fort und beschäftigen uns mit II. Energiewende-Themen mit strategischer Dimension für Unternehmen sowie einem Fazit, welches insbesondere die Erwartungen an Vorstände und Aufsichtsräte sowie deren konkrete Pflichten aufgreift.

Dieser Artikel ist ein Auszug von dem gleichnamigen Beitrag von Dr. Sabine Schulte-Beckhausen und Dr. Michael Beyer in der Zeitschrift BOARD, der Ihnen HIER kostenfrei zur Verfügung steht.

Ansprechpartner
 Dr. Michael Beyer Director