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Die böse Aktie

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Seit wenigen Wochen bin ich Aufsichtsrat bei der GoingPublic Media AG in München. Going Public was? – mag der ein oder andere sich denken. Also: Die 1998 gegründete, börsennotierte GoingPublic Media AG zählt zu den führenden Medienhäusern rund um Unternehmensfinanzierung und Investment-Themen. Die Gruppe veröffentlicht im Rahmen ihres cross-medialen Plattform-Ansatzes jährlich rund 90 Zeitschriftenausgaben und betreibt acht Web-Plattformen in Verbindung mit Online-Newslettern sowie Social-Media-Präsenzen. Zu den Publikationen gehören unter anderem das GoingPublic Magazin, das VentureCapital Magazin, DIE STIFTUNG und die M&A Review. Den Gründer und Vorstand der Gesellschaft, Markus Rieger, kann man getrost als eines der Urgesteine der deutschen Kapitalmarktszene bezeichnen, ein glühender Verfechter des Kapitalmarktes und von Going Public.

Da war es wieder, Going Public. Going Public bezeichnet den Gang von Unternehmen an die Börse, auch IPO oder Initial Public Offering genannt. Insbesondere in den USA gab es in 2014 mit 275 und im ersten Halbjahr 2015 mit 115 zahlreiche Börsengänge. In Deutschland hingegen kam man gerade so in den zweistelligen Bereich. Die für ihre Wirtschaftskompetenz eher zweifelhafte Tagesschau (ich persönlich halte die Beiträge in „Börse im Ersten“ für knapp über dem Bildzeitungsniveau, wenn nicht sogar darunter) titelte zum Börsengang von Zalando und Rocket Internet: „Fast wie zu Zeiten der T-Aktie“ und weckt damit negative Assoziationen zu den Übertreibungen während des Neuen Marktes. Der IPO von windeln.de wird mit „ging in die Hose“ und der Börsengang von Rocket mit „Absturz der Rakete“ überschrieben. Unsere auch eher wirtschaftsfeindliche Presse liefert somit ebenfalls ihren Beitrag, dass der Gang an den Kapitalmarkt in Deutschland negativ belegt ist.

Auch im Bereich der Kapitalanlage steht die Aktie und damit die Börse bei den Deutschen hinten an. Die Aktionärsquote betrug lediglich ca. 7%, bezieht man noch die Aktienanlage in Fonds ein bei immerhin ca. 14%. Dabei hätte eine Geldanlage in den letzten zehn Jahren, unter Abzug der Inflation, bei einer Anlage in den DAX eine Rendite von 131% ergeben, bei einer Anlage in Unternehmensanleihen immerhin 22%, aber bei einer Anlage in Tagesgeld minus 2,9%. In Deutschland wird lieber das Geld in windige Mittelstandsanleihen oder Anbieter regenerativer Energien – Stichwort: Prokon – mit unseriösen Renditeversprechen investiert, als in wertschaffende etablierte Unternehmen wie Daimler oder Bayer. Seltsam.

Aber woher kommt es denn nun? Neben zahlreichen bereits diskutierten Erklärungsversuchen (mangelnde Risikoneigung, mangelnde Wirtschaftsfreundlichkeit etc.) hilft vielleicht auch hier ein Blick in die Historie: Wir hatten in Deutschland bis 1930 über 10.000 Aktiengesellschaften. Mit dem Anleihestockgesetz 1934 wurden die Dividendenausschüttungsmöglichkeiten begrenzt. Dies reduzierte die Attraktivität der Aktien der börsennotierten Unternehmen empfindlich (wir erinnern uns, es waren ja zwar nationale, aber Sozialisten). Neuemissionen fanden nahezu nicht mehr statt. Auch wenn die Wirtschaft 1933 bis 1938 um 50 % wuchs, reduzierte sich die Anzahl der Aktiengesellschaften um nahezu die Hälfte. Im Gegenzug nutzten die Nationalsozialisten die Börsen, um das massiv gewachsene Staatsdefizit zu finanzieren. Nach dem zweiten Weltkrieg waren es dann nur noch ca. 2.000 AGs (für die Statistiker: Inzwischen sind wir wieder bei deutlich über 10.000 AGs in Deutschland angekommen, wenngleich nur ein geringer Teil börsennotiert ist). Kann es sein, dass noch immer tief in der deutschen Mentalität verankert ist: Aktie bzw. Unternehmensbeteiligung ist böse (die Private Equity Firma als Heuschrecke, auch hier von einem Sozialdemokraten geprägt), die Staatsfinanzierung (es lebe die Bundesanleihe!) ist gut. Denken Sie mal darüber nach…

In diesem Sinne glauben Sie an den Kapitalmarkt und an Börsengänge, auch wenn er immer wieder zwischendurch mal schwächeln wird, es ist besser, Unternehmen zu finanzieren als dem Staat noch mehr Geld zu geben!

Bis bald

Ihr
Ingo Weber