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Der Jahresabschluss ist fertig! Aber keinen interessiert es…

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Der Jahresabschluss ist fertig! So tönt es durch die Accounting-Abteilungen von vielen Unternehmen in den letzten Wochen, bei manchen früher, bei manchen später, bei manchen vor dem Testat des Wirtschaftsprüfers, bei manchen schon nach dem Stempel. Schnell noch den HGB- oder IFRS-Abschluss gebunden und ab geht’s in die Veröffentlichung – bei börsennotierten Unternehmen sinnvollerweise begleitet mit entsprechenden Ad Hoc-Mitteilungen und am Ende auch mit einem schönen Abschlussessen.

Aber: Wen interessiert es denn eigentlich, ob der Jahresabschluss fertig ist? Oder im übertragenen Sinne: Wer braucht denn heutzutage noch den Jahresabschluss, sei es HGB, IFRS, US GAAP oder Swiss GAAP FER? 

Betrachtet man die Jahresabschlussadressaten (schön entsprechend dem IFRS Framework), dann fallen einem natürlich zu allererst die Investoren ein. Aber auf welcher Basis entscheiden sich Investoren denn zum Kauf oder Verkauf von Aktien? Auf Basis der drei Monate alten Informationen aus dem Jahresabschluss oder auf Basis der zukünftigen Aussichten des Unternehmens? Wohl eher letzterem. Bringt man nun noch eine Prise Künstliche Intelligenz („KI“) mit rein, so löst man sich endgültig von der historischen, aber auch zukünftigen jahresabschlussorientierten Zahlenwelt. Berühmtes Beispiel in diesem Kontext ist der Hedgefonds Manager der historisch die Lkws zählte, die die chinesischen Sweat Shops verließen, um die Auslieferung von Handys zu prognostizieren. Heut setzt er auf Satellitenbilder von Häfen und der automatisierten Analyse der Verladeaktivitäten von Erzfrachtern auf dem Weg von Australien nach China. Oder andere sehr schöne Beispiele sind die systemgestützte Analyse von Stellenanzeigen von Unternehmen oder die Wortwahl in den Pressemitteilungen bzw. die Gesichtszüge bei den Pressekonferenzen zu den Quartals- und Jahresergebnissen. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer die bessere Investmentergebnisse erzielt: Der Zahlenanalyst oder der KI-unterstützte Investor.

Ein weiterer Adressat für den Jahresabschluss könnte der Staat sein, also der Fiskus. Schließlich diente das Jahresergebnis schon seit gefühlt ewiger Zeit als Basis für die Besteuerung, zeitweise natürlich auch das Unternehmensvermögen. Betrachtet man nun allerdings die aktuelle Diskussion um die Besteuerung von Internet-Konzernen mit ihren neuen Geschäftsmodellen und der Möglichkeit Gewinne über Ländergrenzen hinweg steueroptimal zu allokieren, so stellt sich schon die Frage, ob der Jahresabschluss die sinnvolle Basis für die Besteuerung bildet. Ist es nicht sinnvoller, wie der Gesetzentwurf der EU-Kommission vorsieht, zukünftig 3 % Steuer auf den Umsatz der großen Internetkonzerne (weltweiten Umsatz von mindestens 750 Millionen Euro sowie eine Online-Umsatz von 50 Millionen Euro innerhalb der EU) zu verlangen? Ganz zu schweigen von der deutlichen Reduzierung des Verwaltungsaufwands für Steuern, bezogen auf den Umsatz und die Möglichkeit dadurch einerseits die Staatseinnahmen mit Mehrsteuern zu erhöhen und gleichzeitig die Staatsausgaben durch weniger Steuerverwaltungsbeamte zu reduzieren? Zu schön, um wahr zu sein. 

Bevor sich jetzt bei allen Bilanzerstellern nach HGB oder IFRS und natürlich Prüfern tiefste Depression breit machen: Natürlich hat auch der Jahresabschluss zukünftig seinen Sinn. Wichtig ist er zum einen als Rechenschaftslegung über die Vergangenheit, also eine Verifizierung der verschiedenen Prognosen sei es auf Basis von MI (menschlicher Intelligenz) oder KI. Zum anderen dient er aber auch als Ausgangsbasis für quantitative Grundlagen für die Prognose von zukünftigen Cash Flows von Unternehmen, damit deren zukünftigen Wert und somit der Investitionsentscheidung der Aktionäre. Last but not least sei noch erwähnt, dass natürlich auch die Bilanz u. a. hinsichtlich der Verschuldung eine wichtige Rolle bei der Beurteilung von Unternehmen spielen sollte – Steinhoff lässt grüßen.

In diesem Sinne wird der Jahresabschluss auch zukünftigen Zwecken dienlich sein, aber durch die Digitalisierung, wie viele andere Bereiche, auch eine deutliche Veränderung seiner Bedeutung erfahren.

Bis bald

Ihr 

Ingo Weber