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Demut und Limonade in der Wüste

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Aktuell läuft es in der Finanzberatungsbranche. Die Ressourcen im Finanz- und Rechnungswesen sind zu nahezu 100 % ausverkauft. Die Anzahl der Xing-Postings für die Besetzung von interimistischen oder dauerhaften Positionen nimmt gefühlt jeden Tag zu. Es stellt sich immer häufiger die Frage: Welcher qualifizierte Finanzer ist aktuell wirklich ohne Engagement und noch kurzfristig verfügbar? Und wenn er kurzfristig verfügbar wäre, ist er dann wirklich auch ausreichend qualifiziert? Es ist wie der Verkauf von kalter Limonade in der Wüste. Faktisch kann man nichts falsch machen, es müssen nur genügend Limonade oder zumindest Zitronen, Zucker, Wasser und Eiswürfel vorhanden sein. Zur Not auch nur Wasser und Zitronen oder einfach nur Wasser (im Marketingjargon würde letzteres vermutlich dann als „Bio No Frills Low Carb Limo“ verkauft werden).

Aber ist es wirklich der Erfolg des Limonadenverkäufers, dass seine Ware so reißenden Absatz findet? Oder kann man sich in der konkreten Situation überhaupt der Nachfrage erwehren in die man aus einer Kombination von mehr oder minder glücklichen Umständen gelangt ist und zu der man mehr oder minder viel beigetragen hat? Natürlich ist es sehr häufig eine Kombination aus mehreren Faktoren wie äußere Umstände, Glück, Können und Engagement. Aber sehr häufig besteht eben auch die Neigung insbesondere sein Können und sein Engagement in den Vordergrund zu stellen – wenn es gut läuft. Dank meinem Talent und meiner harten Arbeit kam der Erfolg zustande. Ganz anders, jedoch genauso häufig, wenn es nicht so gut läuft. Dann sind die äußeren Umstände daran schuld oder es wird schlichtweg mit „Pech“ argumentiert.

Dabei sollten wir uns eines Wortes besinnen, das leider oft in Vergessenheit gerät: Demut.

Wikipedia hilft uns an dieser Stelle allerdings nur bedingt weiter: „Der Ausdruck Demut kommt von althochdeutsch diomuoti („dienstwillig“, also eigentlich „Gesinnung eines Dienenden“) und wurde von Martin Luther zur Übersetzung des biblischen Ausdrucks „tapeinophrosýn“ (altgriechisch) bzw. dessen lateinischer Übersetzung „humilitas“ benutzt. Im christlichen Kontext bezeichnet Demut die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog dem Verhältnis vom Knecht zum Herrn, allgemeiner die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“. Wie schon gesagt, es hilft zur Erklärung nur bedingt weiter.

Daher doch eine Interpretation in meinen eigenen Worten und meinem eigenen Verständnis: Demut ist für mich (auch) die Haltung zu erkennen, dass es für bestimmte vorteilhafte Situationen nicht nur an einem selbst liegt, dass der Ausgang so positiv war, sondern dass eben auch verschiedene andere Faktoren dazu kommen, die ich nicht selbst beeinflussen kann bzw. beeinflusst habe. Dies kombiniert mit der Erkenntnis, dass es nicht immer so positiv laufen muss, sondern auch ganz anders kommen kann, führt dann vermutlich zur kritischen Selbstreflexion, dem Nachdenken über sich selbst (Selbstbeobachtung), und der Selbstkritik, dem kritischen Hinterfragen und Beurteilen des eigenen Denkens, der eigenen Standpunkte und Handlungen.

In diesem Sinne, bewahren Sie sich auch in erfolgreichen Zeiten die wichtige Fähigkeit zur maßvollen Demut und der kritischen Selbstreflektion, denn nur so werden Sie auch in weniger erfolgreichen Zeiten für sich selbst und von Dritten Anerkennung finden! 

Bis bald

Ihr

Ingo Weber