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Das Ende der Swiss GAAP FER

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Die Schweizer haben es gut. Sie haben keinen wackeligen Euro, sondern den stabilen Schweizer Franken. Sie haben eine prosperierende Stadt mit Zürich, wir haben eine pubertierende Hauptstadt mit Berlin. Sie haben das Matterhorn und die Schweizer Alpen, wir haben die Zugspitze und den Schwarzwald. Und vor alledem: Die Schweizer haben Swiss GAAP FER, OR und IFRS, wir haben nur IFRS und HGB.

Das Obligationenrecht ist sozusagen die Basisvorschrift für alle Schweizer Unternehmen. Es ähnelt in den Grundzügen dem HGB, beinhaltet jedoch über die Maßgeblichkeit des Schweizer Steuerrechts drei (steuerliche) Besonderheiten: Das Pauschaldelkredere, das Warendrittel und Einmalabschreibung auf Investitionen. Das Pauschaldelkredere ist eine pauschale Wertberichtigung auf Forderungen von 5 % (Inland) bzw. 10 % (Ausland). Die Vorräte können mit dem Warendrittel bis zu einem Drittel unter dem Gestehungs- bzw. Marktwert bilanziert werden, ohne dass diese Reservebildung (welche über die echte Abschreibung hinausgeht) besonders zu begründen ist. Und mit der Einmal- oder Sofortabschreibung wird für laufend zu ersetzende, abnutzbare, bewegliche Wirtschaftsgüter wie Mobiliar, Maschinen, Apparate, EDV und Fahrzeuge im Jahr der Anschaffung oder Herstellung eine Sofortabschreibung bis auf den Pro-memoria-Franken (schönes Wort!) zugelassen. Ja, wie schon gesagt: Schweiz, du hast es gut.

Aber es kommt noch besser. Für eine Börsennotierung („Börsenkotierung“) an der Schweizer Börse SIX Swiss Exchange benötigen Unternehmen keine IFRS-Abschlüsse, also keine umfangreichen Standards mit zahllosen Spezial- und Ausnahmeregelungen und umfangreichen Anhangangaben. Es reicht ein Abschluss nach den Swiss GAAP FER. Diese Fachempfehlungen zur Rechnungslegung („FER“) sind Schweizer Rechnungslegungsstandards, die ein den tatsächlichen Verhältnissen entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage (True and Fair View) vermitteln. In ihrem Aufbau und inhaltlich sind sie den IFRS nicht ganz so fern. So gibt es ein Rahmenkonzept mit den Kern-FER, Swiss GAAP FER 11 Ertragsteuern, Swiss GAAP FER 13 Leasing etc., allerdings sind sie eben deutlich weniger detailliert und ermöglichen daher auch mehr Interpretationen. Ein Teil der Schweizer Unternehmen nutzt inzwischen diese schlanke Variante der kapitalmarktorientierten Bilanzierung wie bspw. die Swatch Group oder Georg Fischer. Allerdings, der geneigte IFRS-Bilanzierer hat es vermutlich schon realisiert: „mehr Interpretationen“ klingt auch nach mehr Möglichkeiten zur Manipulation und nach weniger Vergleichbarkeit. Oder wie sagte Anfangs des Jahres der Leiter Konzernrechnungswesen eines SMI gelisteten Unternehmens zu mir: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es bei den FER-Bilanzierern zu einem Bilanzskandal kommt. Die Folge dürfte dann sein, dass alle börsennotierten Unternehmen in der Schweiz doch wieder auf IFRS umstellen. Sie realisieren an dieser Stelle sicherlich den Traum eines jeden Beraters im IFRS-Umfeld, nachdem IFRS 15 ganz und IFRS 16 zumindest teilweise durch sind.

Und ist es jetzt es soweit? Die Schweizer Börse SIX stellt einen Sanktionsantrag gegen Meyer Burger. Das Unternehmen soll im Jahresabschluss 2016 und im Halbjahresabschluss 2017 gegen den angewandten Rechnungslegungsstandard (Swiss GAAP FER) verstoßen haben. Die festgestellten, mutmaßlichen Mängel beziehen sich auf die Behandlung eines Ereignisses nach dem Bilanzstichtag, das außerordentliche Ergebnis sowie Bestandteile der Kapitalflussrechnungen. Meyer Burger weist die Vorwürfe in einer Mitteilung zurück. Die Abschlüsse entsprächen den Anforderungen von Swiss GAAP FER und dem True & Fair View. Die Abschlüsse seien zudem eng abgestimmt mit Abschlussprüfer PwC und so auch testiert. Auch ein anderer renommierter WP soll die Bilanzierung für gut geheißen haben. Sollten die Vorwürfe zutreffend sein, so drohen dem Unternehmen empfindliche Geldbußen bis hin zum Börsenausschluss.

Ich persönlich denke nicht, dass dieses eine Ereignis reichen dürfte, um die Swiss GAAP FER durch die IFRS zu ersetzen. Hiergegen spricht doch der Schweizer Pragmatismus. Und im Sinne einer Selbstreflektion des IFRS-Bilanzierers fällt uns dann vermutlich mit Steinhoff ein noch deutlich größerer und tatsächlicher Bilanzskandal ein, die im Übrigen einen Abschluss nach dem True and Fair View und IFRS erstellt und testiert hatten.

In diesem Sinn, die Schweiz dürfte es auch bilanziell weiterhin gut haben und vielleicht ist eine Börsennotiz in der Schweiz, dank den Swiss GAAP FER auch eine gute Alternative für andere Unternehmen.

Bis bald

Ihr 

Ingo Weber