Kontakt

Alles Umsatz, oder was?!

Blog -

Trotz der Veröffentlichung des IFRS 15 – Erlöse aus Verträgen mit Kunden – durch das IASB bereits Mitte 2014 und der Bekanntgabe im Amtsblatt der Europäischen Union Ende 2016, durften sich die IFRS-Bilanzierer mit der Anwendung des neuen Umsatzstandards dennoch bis zum nun laufenden Geschäftsjahr gedulden. Aber, allseits bekannt: Gut Ding will ja Weile haben!

Und diese guten Vorsätze sind in dem neuen Standard gewiss zu erkennen, da sich das bisherige Mosaik aus verschiedenen Verordnungen und Interpretationen (IAS 11 & 18, IFRIC 13, 15 & 18 und SIC 31 lassen grüßen) nur begrenzt anwendungsorientiert auf die Umsatzlegung nach internationalen Rechnungslegungsvorschriften ausgewirkt hat. Zudem wurde in der Praxis bei diffizilen und branchenspezifischen Sachverhalten oftmals bei unseren Freunden auf der anderen Seite des großen Teichs abgeschrieben, was wiederum unseren Freunden des IASB in London beim Nachmittagstee nicht so gut bekommen ist.

Infolgedessen konnte die Antwort des IASB auf dieses unvollständige Stückwerk nur ein einheitlicher, prinzipienbasierter Standard sein, der für Unternehmen verschiedenster Branchen gleichermaßen anzuwenden ist und ab dem Geschäftsjahr 2018 die Umsatzlegung der IFRS-Bilanzierer vorgibt. Des Weiteren stellt der neue Standard den Link zum neuen Conceptual Framework des IASB her, da die Umsatzlegung nun an den Veränderungen von Vermögenswerten und Schulden ansetzt.

Soweit so gut – dem IASB für seine noblen Vereinheitlichungsabsichten kurz auf die Schulter geklopft – stellen Sie sich wie bei jedem neuen Standard spätestens jetzt die Frage, inwiefern sich der IFRS 15 denn letztendlich auf die Umsatzlegung der Anwender auswirken wird?! Und wie so oft im Leben und der Wirtschaft, kann darauf pauschal nur mit „it depends“ geantwortet werden.

Unsere Erkenntnisse hinsichtlich der bilanziellen Auswirkungen des IFRS 15 auf die Umsatzlegung der Mandantschaft zeigen, dass Umstellungseffekte sehr eng mit den zugrundeliegenden Geschäftsmodellen der Anwender verbunden sind.

Beispielsweise bei klassischen Handelsunternehmen, deren Kernkompetenz im Vertrieb von standardmäßigen Produkten liegt, sind keine wesentlichen Umsatzdifferenzen zu erwarten. Hier könnte jedoch die Bestimmung des Transaktionspreises anfänglich nicht nur der Accounting-Abteilung Kopfschmerzen bereiten, sondern auch den werten Kollegen im Controlling und Vertrieb (Ja, der Standard lebt sich interdisziplinär!), da der Transaktionspreis um branchenübliche variable Vergütungsbestandteile zu reduzieren ist.

Die für den Abschlussleser hingegen wesentlich wichtigeren Aspekte der Höhe und des Zeitpunkts der Umsatzlegung bleiben im Handel größtenteils unberührt. War die Realisierung von Umsätzen gemäß IAS 18 noch an den Übergang der Chancen & Risiken (Risks & Rewards) eines Produkts oder einer Dienstleistung auf den Kunden geknüpft, orientiert sich die IFRS 15-Umsatzlegung nun an der Übertragung der Kontrolle (Control) des Vermögenswerts auf diesen. Durch diesen Kontrollübergang erfüllen Sie im Sinne des Standards eine Leistungsverpflichtung (Performance Obligation), wodurch Sie sich mit dem Ausweis von Umsatzerlösen belohnen dürfen – erfreulicherweise sogar zum selben Zeitpunkt und in selber Höhe wie bisher!

Würde sich die Weltwirtschaft lediglich aus Handelsunternehmen zusammensetzen – und wer produziert letztlich diese Handelswaren?! – könnten wir den IFRS 15 bereits jetzt zu den Akten legen. Hierdurch würde jedoch den Innovationsführern unserer Zeit Unrecht getan, was Kleists rechtschaffendem Kohlhaas gewiss Bauchschmerzen bereitet hätte!

Speziell IFRS-Anwender des sekundären Sektors, die sich auf die Entwicklung und Herstellung kundenspezifischer Produkte fokussieren, sollten diesem Standard eine nicht unerhebliche Bedeutung beimessen. Beispielsweise die Umsatzlegung von Maschinen- und Anlagenbauern, deren Fertigungsaufträge sich durchaus auf über mehrere Jahre erstrecken, basierte bisher auf der Teilgewinnrealisierung (Percentage-of-Completion Method) gemäß IAS 11. Sodass auch weiterhin Umsätze sowie Teilgewinne – wie es die Bezeichnung der Methode bereits impliziert – während des kontinuierlich fortschreitenden Projekts ausgewiesen werden können, sind die Kriterien a) bis c) des IFRS 15.35 akribisch zu prüfen.

Wenn Sie nach einschlägiger Prüfung des Paragraphen zu der Erkenntnis gelangen, dass Sie mindestens eines der drei Kriterien erfüllen, können Sie auch weiterhin mit gutem Gewissen Umsatzerlöse über den Zeitraum der Projekte legen.

Besonders tückisch in der Praxis hat sich diesbezüglich das zweite Teilkriterium des IFRS 15.35 c) – der Vergütungsanspruch inklusive angemessener Marge für die bereits erbrachte Leistung im Falle eines vorzeitigen Vertragsabbruchs – erwiesen. Lässt sich in den meisten Fällen bei kundenspezifischen Produkten der notwendige alternative Nutzen für den Hersteller belastbar darlegen, kann sich die fehlende oder unzureichende Spezifizierung des ebenso wichtigen Vergütungsanspruchs inklusive angemessener Marge im Vertrag mit dem Kunden immer noch als unerwünschtes Haar in der Umsatz-Suppe herausstellen. Bei solch einem ungünstigen Sachverhalt müsste man mit zeitpunktbezogener Umsatzrealisierung (Completed Contract Method), sobald die Leistungsverpflichtung erfüllt und dadurch die Kontrolle des Vermögenswerts vollständig auf den Kunden übergegangen ist, vorliebnehmen. Die Übertragung der Kontrolle des Vermögenswerts über einen Zeitraum auf den Kunden, wäre leider zu negieren.

Daher eignet sich die ausführliche Vertragsanalyse, auf welcher im Rahmen der IFRS 15 Impact Analyse das Hauptaugenmerk liegt, auch als geeignetes Instrument für eine Bestandsaufnahme Ihrer Verträge mit Kunden.

Stellen Sie also sicher, dass die Klauseln Ihrer Verträge so formuliert sind, dass Sie nicht spätestens mit Ihrem Wirtschaftsprüfer über die zeitraum- oder zeitpunktbezogene Realisierung Ihrer wohlverdienten Umsatzerlöse streiten und Ihren Aktionären temporäre Umsatzrückgänge erklären müssen.

Angesichts der auf erhöhtes globales Wachstum hindeutenden Konjunkturindikatoren für das laufende Geschäftsjahr, wäre es zweifelsohne ärgerlich, wenn Ihnen gerade das IASB mit dem IFRS 15 die Verkündung neuer Rekordumsätze verhageln würde!

In diesem Sinne, auf zu bislang unbekannten Umsatzhöhen!

Ihr

Marcel Hermle