Kontakt

Über die schwedische Reichsbank, das Aussterben der Buchhalter und die Kochzeit für Popcorn

Blog -

Die innovativen und damit auch digitalen Schweden sind gerne Vorreiter, auch beim Bezahlen ohne Bargeld. Daher verweigern immer mehr Einzelhändler, Restaurants und Bars die Annahme von Scheinen und Münzen. Stattdessen zahlen die Bürger Schwedens immer mehr mit Kreditkarte, über das World Wide Web oder mit dem Handy und verzichten auf das mit Bargeld gefüllte Portemonnaie.

Inzwischen kommen jedoch Zweifel auf, ob diese rasante Entwicklung auch wirklich so positiv für Schweden ist. So hat sich der Bargeldbestand in Schweden von knapp 100 Mrd. in 2008 auf ca. 55 Mrd. in 2017 nahezu halbiert. Laut Bloomberg nutzen nur noch 25 Prozent der Schweden einmal oder mehrmals in der Woche überhaupt Bargeld. „Wenn die Bargeldmenge weiterhin so schnell schrumpft, wird es schwierig, die Infrastruktur aufrecht zu erhalten", so Ökonom Mats Dillen gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Mats Dillen ist Vorsitzender einer Kommission, die die Wirkung des Scheineschwunds untersucht. Er sieht bereits eine "Negativspirale", die sehr genau beobachtet werden müsste. Die schwedische Reichsbank erwägt derweil bereits, Banken dazu zu verpflichten, Bargeld vorzuhalten.

Szenenwechsel, die Erste.

Nach einer aktuellen Studie der renommierten University of Oxford zufolge sollen in den nächsten 25 Jahren rund 47 Prozent der Jobs aufgrund von Digitalisierung verschwunden sein – dazu gehört auch der klassische Buchhalter. Noch konkreter wird eine etwas ältere Studie der Universität. Demnach sollen rund 98 Prozent aller Buchhaltungsberufe durch die neue Technologie überflüssig werden. Beruhigender sieht die Situation im übrigen beispielsweise für Zahnärzte aus. Diese sollen nur in geringem Umfang von der Digitalisierung betroffen sein.

Szenenwechsel, die Zweite.

Das Wochenende steht vor der Tür. Da die Wettervorhersage eher mau ist, verabreden Sie sich am Samstagabend mit Freunden zu einem gemütlichen Filmabend. Dabei steht Popcorn „auf der Speisekarte“. Während Sie die Butter erhitzen (auf keinem Fall Öl verwenden!) machen Sie doch bitte mal eine Umfrage bei Ihren Freunden, wann das erste Corn poppt. Unter der Prämisse eines heterogenen Freundeskreises werden Sie Meinungen zwischen 30 Sekunden und 10 Minuten erhalten. Und sobald die ersten 30 Sekunden rum sind, werden die 30 Sekunden-Schätzer nervös und sehen das Ergebnis kurz vor Vollendung, wohingegen die Freunde der 10 Minuten noch entspannt sind.

Szenenwechsel, die Dritte und Finale.

Fasst man diese drei Szenen zusammen, so ergeben sich folgende Gedanken:

In Zukunft gibt es keine Buchhalter mehr oder zumindest fast keine, nämlich nur noch 2 Prozent. Damit ist es zum einen für Studenten nicht mehr attraktiv, Rechnungswesen im Studium zu vertiefen. Auch für Auszubildende oder Jobsuchende ist der Beruf des Buchhalters nicht mehr attraktiv. Wer will denn schon Arbeitslosigkeit studieren (als ehemaliger BWLer verkneife ich mir hier natürlich einen Seitenhiebe auf für diese Thematik einschlägigen Studiengänge…) oder in einen Beruf wechseln, der kurzfristig wegrationalisiert wird. Diesen Trend zum Studium weg von den Bilanzen sehen wir als FAS AG, aber auch unsere Marktbegleiter und Mandanten in den letzten Jahren bereits immer mehr. Und auch die Personalknappheit im Rechnungswesen nimmt immer mehr zu.

Gleichzeitig ist es aber so, dass die Jobs im Rechnungswesen durch die Digitalisierung nicht so schnell ersetzt werden, wie der ein oder andere 30-Sekunden-Schätzer erwarten würde. Zwar werden Tätigkeiten in den Buchhaltungen zunehmend durch RPA („Robotic Process Automation“) ersetzt oder in Shared Service Center verlagert, aber für komplexe Buchungen wird auch in Zukunft die Expertise von Fachleuten gefragt sein. Zudem wird der Buchhalter Aufgaben wie Überwachung und Kontrolle des Systems sowie die digitale Pflege übernehmen müssen. Last but not least ergeben sich durch die zunehmende Digitalisierung weitreichende Auswertungsmöglichkeiten, die auch wieder einer menschlichen Unterstützung bedürfen.

Somit könnte es in Summe – zumindest mittelfristig – im Rechnungswesen gar nicht zu den erwarteten Entlassungen und Überkapazitäten kommen. Ganz im Gegenteil: Die Knappheit an Buchhaltungsexperten könnte dazu führen, dass diese gefragter denn je sind und die Preise für diese Experten, sei es Gehälter bei Angestellten oder Beratungshonorare für externe Buchhalter, signifikant steigen.

In diesem Sinne, lassen Sie sich als Buchhalter von der Digitalisierung nicht erschrecken, wahrscheinlich führt diese sogar dazu, dass sie dadurch gefragter sind, denn je.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber

 

P.S.: Kochzeit Popcorn ca. 5 Minuten, damit mich nicht jeder nach dem Artikel danach fragt. :o)